Compliance und Comme il Faut
COMPLIANCE UND COMME IL FAUT
Struktur, Charakter und die Frage nach innerer Führung
COMPLIANCE – WAS SIE IST
Compliance bedeutet die systematische Sicherstellung, dass Unternehmen Gesetze, regulatorische Vorgaben und interne Richtlinien einhalten.
Sie umfasst unter anderem: Korruptionsprävention,Kartellrecht, Datenschutz, Geldwäscheprävention, Finanzmarktregeln und interne Verhaltenskodizes.
Die modernen Compliance-Systeme entstanden vor allem als Reaktion auf große Wirtschaftsskandale:
Enron 2001, Sarbanes-Oxley Act 2002, Finanzkrise 2008
Ausweitung europäischer Regulierung ab 2010
Die heutigen komplexen Compliance-Strukturen sind also nicht Ursache, sondern Folge von Fehlverhalten in großen Systemen.
Compliance dient dem Schutz: des Unternehmens, der Mitarbeiter, der Investoren, der Gesellschaft.
Sie ist Teil von Governance, – verantwortlicher Unternehmensführung.
Der Markt rund um Compliance, RegTech, Auditing und ESG-Berichterstattung bewegt sich weltweit im Milliardenbereich. Das ist keine Nebenerscheinung, sondern ein eigener Wirtschaftszweig.
WARUM BRAUCHT ES COMPLIANCE?
Moderne Organisationen sind: global, hochkomplex, rechtlich haftbar und öffentlich exponiert.
In anonymen, großen Systemen kann man sich nicht allein auf persönliche Integrität verlassen.
Compliance basiert daher auf einer realistischen Annahme: Menschen sind fehlbar. Sie ist kein moralisches Urteil. Sie ist ein strukturelles Instrument zur Risikobegrenzung.
COMPLIANCE UND CHARAKTER
Compliance kann: Fehlverhalten erschweren, Transparenz erhöhen und Verstöße sanktionieren.
Was sie nicht kann: Charakter erzeugen.
Charakter ist die Fähigkeit, unter Druck das Richtige zu tun, auch wenn niemand kontrolliert.
Das ist eine innere Qualität, die sich nicht standardisieren lässt. Regelwerke sind skalierbar. Charakter nicht.
Deshalb entsteht in großen Systemen eine Verschiebung: Vom inneren Gewissen zum äußeren Kontrollmechanismus. Das ist funktional, aber nicht identisch mit ethischer Reife.
ENRON, 2008 UND ANDERE FÄLLE
Enron hatte interne Kontrollsysteme – sie waren jedoch unzureichend oder wurden bewusst umgangen.
Die Finanzkrise 2008 ereignete sich trotz vorhandener Risikomanagement- und Compliance-Strukturen.
Diese Ereignisse führten gerade zur massiven Ausweitung moderner Compliance-Systeme.
Das zeigt: Regelwerke entwickeln sich reaktiv, verhindern nicht jedes Fehlverhalten sondern reagieren auf es.
COMME IL FAUT – DIE SOZIALE EBENE
„Comme il faut“ stammt aus dem höfischen Frankreich und bedeutet: „wie es sich gehört“.
Es bezeichnet keinen gesetzlichen Rahmen, sondern einen sozialen Erwartungsrahmen.
Heute zeigt sich das in Milieucodes, Sprachregelungen, kulturellen Normen und Unternehmensleitbildern.
Comme il faut fragt nicht: Ist es wahr?
Sondern:
Ist es akzeptiert?
Es ist ein sozialer Konformitätsmechanismus.
STRUKTUR UND BEWUSSTSEIN
Würde sich Compliance erübrigen, wenn Menschen bewusst und charaktervoll handeln würden?
Der Umfang würde sinken. Völlig verschwinden würde sie nicht. Denn große Systeme benötigen Struktur – auch bei integrer Führung. Aber: Je stärker innere Integrität, desto geringer der Bedarf an Kontrolle.
Je schwächer die innere Führung, desto dichter das Regelwerk.
DIE TIEFERE FRAGE
Warum ist Charakterbildung nicht selbstverständlich?
Moderne Systeme sind anonym, global und funktional organisiert. Verantwortung ist verteilt und der persönlicher Ruf wirkt schwächer als früher. Innere Reife lässt sich nicht messen, Regelkonformität schon.
Deshalb wird Verhalten standardisiert, nicht das Bewusstsein. Standardisierung wirkt auf die Oberfläche, Bewusstsein wirkt an der Wurzel.
Und genau deshalb: Ein Mensch kann regelkonform handeln und innerlich vollkommen korrupt sein.
Oder umgekehrt: Ein Mensch kann aus Gewissen handeln, auch wenn keine Regel ihn zwingt.
Moderne Systeme sichern die Oberfläche.
Yoga arbeitet an der Ursache.
SPIRITUELLE PERSPEKTIVE
Im Yoga beginnt ethische Entwicklung mit Selbstdisziplin – Yama und Niyama.
Das ist freiwillige innere Ordnung.
Compliance ist erzwungene äußere Ordnung.
Beides erfüllt eine Funktion. Aber sie sind nicht identisch.
Äußere Struktur kann Stabilität sichern; innere Reife muss der Mensch selbst entwickeln.
Compliance ist ein Sicherheitsnetz, es ersetzt aber nicht die Fähigkeit zu gehen.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Brauchen wir Compliance?
Sondern: Wie stärken wir Charakter, sodass Kontrolle nicht zum alleinigen Fundament von Ordnung wird?




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