Liebe braucht Grenzen

Liebe braucht Grenzen –
Das vielleicht größte Missverständnis der modernen Erziehung

In aller Demut und mit allem Respekt vor dem beinahe nicht zu meisternden Gebiet, dem eigenen Kind den Weg ins Leben zu zeigen:
Es gibt kaum einen Satz, der die heutige Erziehung stärker geprägt hat als dieser unausgesprochene Glaubenssatz: Wer liebt, setzt keine Grenzen.

Kaum jemand spricht ihn offen aus.
Und dennoch bestimmt er das Denken vieler Eltern.

Grenzen werden als hart empfunden, Konsequenz als Lieblosigkeit und Disziplin als Unterdrückung. Aus Angst, die Beziehung zum Kind zu gefährden, wird immer häufiger nachgegeben, erklärt, diskutiert oder auf eine Grenze ganz verzichtet.

Dabei kennen weder Yoga noch das Christentum noch die moderne Psychologie einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Liebe und Grenzen.
Im Gegenteil: Eine liebevolle Beziehung und klare Orientierung schließen einander nicht aus, vielmehr ergänzen sie sich.

Wie konnte also die Vorstellung entstehen, dass Liebe und Grenzen Gegensätze seien?

Die Verwechslung von Grenzen mit Gewalt

Über Jahrhunderte wurden Kinder vielfach autoritär erzogen. Grenzen wurden nicht erklärt, sondern mit Schlägen, Demütigungen, Angst oder blindem Gehorsam durchgesetzt.
Für viele Menschen wurden Grenzen dadurch zum Symbol von Macht statt von Fürsorge.

Als sich die Gesellschaft berechtigterweise von diesen Erziehungsformen lösen wollte, geschah jedoch ein folgenschwerer Irrtum.
Nicht nur die Gewalt wurde verworfen, auch die Grenze selbst.

Dabei hätte lediglich die Gewalt verschwinden müssen.
Eine Grenze ist keine Gewalt.
Eine Grenze ist Orientierung.

Sie zeigt einem Kind, wo Verantwortung beginnt und wo Rücksicht notwendig wird.
Sie schafft Sicherheit, lange bevor ein Kind sie selbst herstellen kann.

Liebe wurde zum angenehmen Gefühl
Früher verstand man unter Liebe weit mehr als Zuneigung.
Liebe bedeutete Verantwortung, Fürsorge, Hingabe, Opferbereitschaft, Erziehung.

Heute wird Liebe oft vor allem als angenehmes Gefühl verstanden.

Weint das Kind, fühlen sich viele Eltern schuldig.
Ist das Kind wütend, glauben sie, versagt zu haben.
Also versuchen sie, jede Enttäuschung zu vermeiden.

Liebe wird mit Harmonie verwechselt.

Dabei gehört Frustration zum Leben.
Wer nie warten muss, nie verliert, nie ein Nein hört und nie Verantwortung übernehmen muss, entwickelt weder Geduld noch Charakter noch innere Stärke.

Die Angst, vom eigenen Kind nicht geliebt zu werden

Viele Eltern tragen ihre eigenen Verletzungen in sich.
Sie möchten von ihren Kindern geliebt werden.
Sie möchten keine Ablehnung erleben.

Deshalb fällt ihnen das Nein schwer. Sie sagen lieber fünfmal Ja als einmal Nein.

Dabei übersieht man leicht eine einfache Wahrheit:
Ein Kind braucht keine Freundin. Es braucht eine Mutter.

Es braucht keinen Kumpel. Es braucht einen Vater.

Kinder suchen Führung. Nicht Herrschaft, nicht Kontrolle.
Sondern jemanden, der Verantwortung übernimmt, wenn sie selbst dazu noch nicht fähig sind.

Führung ist daher keine Form von Macht.
Führung ist eine Form der Liebe.

Das Missverständnis von Freiheit

Unsere Kultur versteht Freiheit häufig als Abwesenheit jeder Begrenzung.
Frei ist, wer tun kann, was er möchte.

Yoga versteht Freiheit völlig anders.
Frei ist nicht der Mensch, der jeder Laune folgt. Frei ist der Mensch, der sich selbst führen kann.

Deshalb dienen Grenzen nicht dazu, Freiheit einzuschränken; sie machen Freiheit überhaupt erst möglich.

Ein Musiker wird erst frei, nachdem er jahrelang geübt hat.

Ein Kampfkünstler wird erst frei, nachdem er Disziplin entwickelt hat.

Ein Arzt wird erst frei in seinem Beruf, nachdem er sich jahrelang ausbilden ließ.

Und ein Yogi wird erst frei, wenn er seinen Geist ordnen gelernt hat.

Selbstbeherrschung ist keine Einschränkung der Freiheit.
Sie ist ihre Voraussetzung.

Die Kultur des Konsums

Unsere Gesellschaft vermittelt täglich dieselbe Botschaft:
„Du verdienst alles.“
„Folge deinen Gefühlen.“
„Du musst glücklich sein.“

Deutlich seltener hört man:
„Übe Geduld.“
„Übernimm Verantwortung.“
„Halte dein Wort.“
„Diene dem Ganzen.“

Wer lernt, dass jedes Bedürfnis sofort erfüllt werden soll, erlebt jede Grenze als persönlichen Angriff.
Dabei ist eine Grenze häufig nichts anderes als eine Einladung zur Reifung.

Die Sicht des Yoga kann nicht ausbleiben

Yoga kennt den Gegensatz zwischen Liebe und Grenzen überhaupt nicht.
Ein Lehrer lässt seinen Schüler nicht einfach tun, was dieser möchte.
Er fordert.
Er korrigiert.
Er konfrontiert.
Alles das nicht aus Härte, sondern weil er das Potenzial des Schülers erkennt und ihm hilft, es zu heben.

Auch Krishna verhält sich in der Bagavad Gita Arjuna gegenüber nicht wie jemand, der ihn in seinem Schmerz bestätigt, um ihn nicht zu verletzen. Er hört zu, widerspricht, erweitert dessen Sichtweise und fordert ihn auf, seinem Dharma treu zu bleiben.

Patañjali beginnt den Yogaweg ebenfalls nicht mit Meditation oder Ekstase.
Er beginnt mit den Yamas und Niyamas.
Mit freiwillig angenommenen Grenzen.

Nicht um den Menschen klein zu machen. Sondern um ihn innerlich frei zu machen.

Liebe erspart nicht jedes Leid
Vielleicht besteht das eigentliche Missverständnis unserer Zeit darin, dass viele Menschen glauben:
Liebe bedeutet, einem Menschen Leid zu ersparen.

Die großen Weisheitstraditionen lehren etwas anderes.

Liebe bedeutet, einem Menschen dabei zu helfen, an den unvermeidlichen Herausforderungen des Lebens zu wachsen und die Ursachen unnötigen Leidens zu überwinden.

Wer ein Kind vor jeder Enttäuschung schützt, nimmt ihm die Gelegenheit, Stärke, Geduld, Mut und Verantwortung zu entwickeln.

Eine Grenze, die aus Weisheit, Verantwortungsgefühl und Wohlwollen gesetzt wird, ist daher kein Gegensatz zur Liebe.
Sie ist Liebe in ihrer reifen Form.

Sie sagt:

„Du bist mir zu wichtig, um dich deinen augenblicklichen Impulsen zu überlassen.
Ich begleite dich auf dem Weg zu dem Menschen, der du werden kannst.“

Vielleicht brauchen Kinder heute nicht weniger Liebe.
Vielleicht brauchen sie eine Liebe, die den Mut hat, wieder zu führen.