Charakter kennt kein Geschlecht

Charakter kennt kein Geschlecht

In Diskussionen und Gesprächen mit Klienten höre ich immer wieder einen Satz:
„Er ist eben ein Mann. Testosteron eben.“

Fast immer schwingt dabei eine Botschaft mit: Männer seien von Natur aus dominanter, aggressiver sexistischer oder rücksichtsloser.
Die daraus abgeleitete Folge: Man müsse das eben akzeptieren.

Ich halte diese Sichtweise für einen grundlegenden Irrtum.

Männer und Frauen unterscheiden sich biologisch, ja.
Männer haben im Durchschnitt deutlich höhere Testosteronspiegel als Frauen. Dieses Hormon beeinflusst unter anderem Muskelkraft, Libido, Konkurrenzverhalten und die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Das ist gut belegt.

Und hier endet die Biologie.

Aus einem höheren Testosteronspiegel folgt weder Lieblosigkeit noch Rücksichtslosigkeit noch Gewalt.

Wer einen anderen Menschen demütigt, manipuliert oder verletzt, tut das nicht, weil er Testosteron besitzt. Er handelt so, weil ihm in diesem Moment etwas anderes fehlt.

Charakter.

Der Mensch ist mehr als seine Biologie

Wäre der Mensch ausschließlich von Hormonen gesteuert, gäbe es keine Moral, keine Verantwortung, keine Erziehung, keine Tugend und kein Gewissen.
Wir wären hoffnungslos den eigenen Impulsen ausgeliefert. Dass wir das nicht sind unterscheidet den Menschen vom Tier.

Wir besitzen die Fähigkeit, unsere Impulse wahrzunehmen, sie zu prüfen und bewusst zu entscheiden, wie wir handeln wollen.

Zwischen Impuls und Handlung liegt Freiheit und dort entsteht Charakter.

Charakter zeigt sich nicht im Erfolg

Jeder Mensch kann freundlich sein, solange alles nach Wunsch verläuft.
Jeder kann großzügig sein, solange er genug besitzt. Jeder kann ruhig bleiben, solange niemand widerspricht.
Charakter zeigt sich dann gewiss, wenn das Leben unbequem wird.

Wie spricht ein Mensch mit Untergebenen?
Wie reagiert er auf Kritik?
Wie verhält er sich, wenn niemand zusieht?
Wie geht er mit Macht um?
Wie handelt er, wenn Ehrlichkeit Nachteile bringt?

Dann und nicht vorher wird sichtbar, wer ein Mensch wirklich ist.
Lieblosigkeit ist kein männliches Problem
Ebenso wenig ist Manipulation ein weibliches Problem.

Ich kenne liebevolle Männer und ich kenne lieblose Männer.
Ich kenne integre Frauen und ich kenne manipulative Frauen.
Das Geschlecht erklärt das nicht.

Charakterlosigkeit ist gleichmäßig über die Menschheit verteilt.

Sie tritt lediglich in unterschiedlichen Formen auf.
Der eine schüchtert ein.
Die andere manipuliert emotional.
Der eine wird laut.
Die andere arbeitet mit Schuldgefühlen.

Die Mittel unterscheiden sich.

Das fehlende Verantwortungsbewusstsein ist dasselbe.
Echte Stärke und Macht braucht Selbstführung
Ein kräftiger Motor macht ein Auto nicht gefährlich.

Gefährlich wird es erst, wenn niemand Verantwortungsvoller am Steuer sitzt.

Mit unseren biologischen Kräften verhält es sich ähnlich.
Triebe sind nicht das Problem. Aggression ist nicht grundsätzlich schlecht.
Sexualität ist nicht schlecht. Ehrgeiz ist nicht schlecht. Macht ist nicht schlecht.
Entscheidend ist, wer sie führt.

Ein Mensch mit Charakter ordnet seine Kräfte einer höheren Verantwortung unter.

Ein Mensch ohne Charakter lässt sich von ihnen beherrschen.

Deshalb beginnt jede Entwicklung mit Charakterbildung

Alle großen Weisheitstraditionen beginnen an derselben Stelle.
Nicht bei Macht, nicht bei Erfolg, nicht bei besonderen Fähigkeiten, sondern ausschließlich beim Menschen selbst.

Yoga beginnt mit Yama und Niyama.

Die Stoa beginnt mit Tugend.

Das Christentum spricht von der Umwandlung des Herzens.

Immer geht es um dieselbe Einsicht:
Der Mensch soll nicht Sklave seiner Impulse sein, er soll lernen, sie bewusst zu führen.

Die falsche Entschuldigung unserer Zeit

Ich beobachte eine gefährliche Entwicklung. Schlechtes Verhalten wird immer häufiger erklärt – und damit indirekt entschuldigt.

„Er kann nicht anders.“

„Sie ist eben so.“

„Das sind seine Hormone.“

„Das war seine Kindheit.“

Natürlich prägen uns Gene, Hormone und Lebenserfahrungen.

Aber sie entheben uns nicht der Verantwortung, Mensch zu werden.
Das beinhaltet Entwicklung , Wachstum und Ausrichtung des Lebens .
Wenn die einzige Ausrichtung des Lebens Lust, Spaß, Geld, ansehen und die Freiheit, alles zu tun, ist, dann wird nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung auch die Wirkung entsprechend sein.

Die Würde des Menschen liegt aber gerade in der Entwicklungschance.
Wir sind ein Potential und wir können lernen. Es liegt daher an uns, unseren Charakter zu formen, gleich ob Mann oder Frau.

Die eigentliche Frage

Wenn wir einem Menschen begegnen, sollten wir daher weniger fragen:

Ist er Mann oder Frau?

Ist er dominant oder sensibel?

Ist er erfolgreich oder beliebt?

Die viel wichtigere Frage lautet: Ist dieser Mensch charakterfest?
Ein Mensch mit Charakter wird seine Kraft nicht missbrauchen.
Er wird Verantwortung übernehmen, Fehler eingestehen, achtsam mit anderen umgehen und er wird auch dort menschlich bleiben, wo ihm niemand Grenzen setzt.

Am Ende entscheidet nicht das Geschlecht darüber, wie ein Mensch handelt, sondern der Charakter.
Und ein für allemal: Charakter ist keine Frage der Hormone.
Er ist eine bewusste Entscheidung, die jeden Tag neu gelebt werden muss.