Die Sache mit der Liebevollen Freundlichkeit
Wann ist ein Mensch wirklich liebevoll? Das beschäftigt mich schon lange.
Rund um diese Frage erlebe ich dauernd derartig viel Missverständnisse, dass ich ruhelos immer wieder versuche, die richtigen Worte zu finden, die verständlich, eingängig und vielleicht auch heilsam sind.
Die Frage klingt einfach, ist aber eine der schwierigen Fragen des menschlich spirituellen Lebens-Weges.
Die meisten Menschen würden auf meine obige Frage antworten, Liebe bedeute freundlich zu sein, niemanden zu verletzen. Meinen tun sie damit in Wahrheit allfälligen Konflikten aus dem Weg zu gehen und möglichst allen alles recht zu machen . Ist ein Mensch wirklich nur dann spirituell, freundlich und liebevoll, weil er ständig nachgibt und die Erwartungen der anderen zu seinem Dienst macht?
Nein!
Ein Mensch ist nicht deshalb spirituell, weil er schweigt, wenn Wahrheit notwendig wäre und er ist nicht deshalb mitfühlend, weil er sich alles gefallen lässt.
Was viele Liebe nennen, ist leider häufig nichts anderes als Angst vor Ablehnung. Man fürchtet sich davor, anzuecken, missverstanden oder nicht mehr gemocht zu werden.
Also verbiegt man sich (bewusst oder unbewusst) und passt sich an und nennt diese Anpassung Mitgefühl.
Und während man von Ahimsa redet lebt man Konfliktvermeidung.
Das ist nicht Spiritualität, das ist nichts anderes als Angst vor Konflikten, die uns ausweichen lässt, unklar macht, unecht macht, damit nicht spürbar sein lässt und nichts Gutes bewirkt.
Mit den großen Weisheitslehren hat das jedenfalls nichts zu tun.
Die eigentliche Frage lautet nicht:
Bin ich lieb?
Die eigentliche Frage lautet: Aus welcher Kraft handle ich?
Handle ich aus Angst oder handle ich aus Liebe?
Liebe die höchste Macht
Alle großen spirituellen Traditionen bezeichnen die Liebe als höchste Macht.
Das ist weder ein poetischer Satz noch eine religiöse Romantik, sondern es beschreibt die Wirklichkeit.
Liebe ist nicht deshalb die höchste Macht, weil sie ein angenehmes Gefühl erzeugt. Gefühle sind flüchtig, sie kommen und gehen.
Die Liebe, von der Gott Krishna in der Bagavad Gita spricht, von der Jesus spricht und von der die großen Mystiker und Yogis sprechen, ist kein Gefühl.
Sie ist eine Seinsqualität.
Sie entspringt dem höchsten Bewusstsein und steht der schöpferischen Ordnung am nächsten.
Die Schöpfung ist keine Ansammlung zufälliger Ereignisse.
Sie ist Ordnung. Jeder Stern folgt einer Ordnung. Jede Zelle folgt einer Ordnung.
Jeder Atemzug folgt einer Ordnung.
Im Yoga nennen wir diese Ordnung Dharma.
Dort, wo Ordnung herrscht, kann Leben entstehen, wachsen und sich entfalten. Dort, wo Ordnung verloren geht, beginnen Zerfall, Krankheit und Chaos.
Liebe gehört zu dieser Ordnung.
Sie ist die Kraft, die verbindet, trägt, erhält und Leben ermöglicht.
Gerade deshalb braucht Liebe Form und sie braucht Wahrheit. Sie braucht Klarheit und sie braucht Grenzen.
Menschen, die sich wie ein Gartenschlauch in jede Richtung biegen sind nicht besonders liebevoll, sie haben die innere Form und Orientierung verloren. Sie stehen nicht in der Ordnung ihres eigenen Wesens, sondern richten sich nach den Erwartungen der Umgebung und sie verwechseln Formlosigkeit mit Offenheit und Angst mit Mitgefühl. Das Ergebnis ist weder Frieden noch Freiheit, sondern ein Leben voller innerer Spannungen.
Wer niemals Nein sagen kann, wird irgendwann auch kein echtes Ja mehr kennen.
Echte Liebe und das Ego passen nicht gut zusammen.
Das Ego fragt ständig: Was geschieht mit mir? Werde ich noch gemocht? Verliere ich etwas?
Liebe stellt eine andere Frage: Was dient jetzt dem Leben? Was dient der Wahrheit? Was dient der Entwicklung dieses Menschen?
Krishna fordert Arjuna nicht auf, nett zu sein. Er fordert ihn auf, klar zu werden und Herr Jesus treibt die Händler aus dem Tempel. Von „Liebevoll“im allgemein gültigen Sinn ist da nicht die Rede.
Große Meister aller Traditionen korrigieren ihre Schüler, wenn es notwendig ist.
Sie handeln dabei nicht gegen die Liebe, sondern aus der Liebe. Diese Liebe dient nicht dem Ego, sondern der Wahrheit.
Darum ist Liebe die größte Macht.
Das ist sie nicht, weil sie andere beherrscht, sondern weil sie sich vollständig in den Dienst der schöpferischen Ordnung stellt. Alles, was aus Angst geschieht, trennt. Alles, was aus Liebe geschieht, verbindet.
Alles, was aus Angst entsteht, macht den Menschen kleiner. Alles, was aus Liebe entsteht, führt ihn seiner eigentlichen Natur näher.
Wille, Macht und Charakter gehören untrennbar zusammen.
Ohne Charakter verliert Liebe ihre Form wie oben beschrieben. Ohne Willen verliert Liebe ihre Richtung und ohne Macht verliert Liebe ihre Wirkung.
Wenn alle drei zusammenkommen, wird Liebe zu jener schöpferischen Kraft, von der alle großen spirituellen Lehrer sprechen.
Wir sollten endlich aufhören, uns zu fragen, ob wir freundlich genug sind.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Stehe ich so tief in der Wahrheit, dass meine Liebe nicht mehr aus Angst, sondern aus der Ordnung des Lebens selbst handelt?
Dort beginnt Spiritualität. Dort beginnt Yoga.
Dort beginnt ein Mensch, dessen Herz zum Herzen (Seele) eines anderen sprechen kann.








