Über Pflicht,- Vorsicht unerwünschtes Thema!
Bhagavad Gītā 2.2–2.5 – Warum Krishna Arjuna nicht tröstet
Die Bhagavad Gītā beginnt nicht mit einer philosophischen Lehre. Sie beginnt mit einer Krise.
Arjuna steht auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra. Er ist einer der größten Krieger seiner Zeit, hervorragend ausgebildet, mutig und von edlem Charakter.
Im entscheidenden Augenblick der Schlacht bricht er zusammen. Seine Hände zittern, seine Gedanken werden wirr und er möchte lieber fliehen als kämpfen.
Hier beginnt Krishnas Unterweisung.
Er fragt nicht, wer an Arjunas Leid schuld ist. Er fragt auch nicht, warum das Leben so ungerecht sei.
Seine erste Frage lautet sinngemäß: „Woher kommt diese Schwäche?“
Wenn man heute jemanden fragen würde: „Woher kommt deine Schwäche?“, wären viele sofort beleidigt und darin zeigt sich, wie ungewohnt uns dieser direkte Blick nach innen geworden ist.
Krishna richtet den Blick unmittelbar auf den eigentlichen Ursprung des Problems.
Und es ist zu erkennen, dass nicht die äußeren Umstände Arjuna handlungsunfähig machen, sondern sein innerer Zustand.
Krishna nennt diesen Zustand anārya-juṣṭam – eines edlen Menschen unwürdig.
Das ist keine Herabsetzung, sondern eine Erinnerung. Arjuna verhält sich in diesem Augenblick nicht entsprechend seinem eigenen Wesen.
Warum spricht Krishna so deutlich?
Weil Arjuna eben nicht irgendein Mensch ist.
Er gehört der Kṣatriya-Klasse an. Ein Kṣatriya , ein Krieger, ist mehr als ein Soldat. Seine Aufgabe besteht darin, Recht zu schützen, Schwache zu verteidigen und für Ordnung einzustehen. Er kämpft nicht aus Hass oder Machtgier, sondern weil ihn sein Dharma dazu verpflichtet.
Hier berührt die Bhagavad Gītā einen Gedanken, der auch für den modernen Menschen von großer Bedeutung ist. Arjuna hat nicht nur einen Beruf. Er hat ein Svadharma, seine eigene Lebensaufgabe.
Nach der Lehre des Yoga entsteht diese nicht zufällig. Sie entspricht seinen Anlagen, seinem Charakter und seinem Karma.
Krishna fordert ihn auf, nicht vor seiner Aufgabe davonzulaufen. Entwicklung geschieht nicht dort, wo wir uns die angenehmsten Aufgaben aussuchen. Entwicklung geschieht dort, wo uns das Leben hingestellt hat.
Für den modernen Menschen stellt sich deshalb eine entscheidende Frage: Gibt es heute noch karmische Pflichten?
Die Bhagavad Gītā würde eindeutig mit Ja antworten und zwar im Sinn von Verantwortung.
Wir haben unsere Eltern nicht zufällig. Wir haben unsere Kinder nicht zufällig. Wir besitzen bestimmte Begabungen nicht zufällig. Wir begegnen bestimmten Herausforderungen nicht zufällig.
Aus jeder Beziehung entsteht Verantwortung und das nennt Yoga Dharma.
Ein Vater hat andere Pflichten als eine Lehrerin. Eine Ärztin andere als ein Richter. Eine spirituelle Lehrerin andere als eine Unternehmerin.
Jeder Mensch hat seinen Platz im großen Ganzen.
Die moderne Welt stellt aber scheinbar nur mehr die Frage: „Was möchte ich?“
Die Bhagavad Gītā stellt eine andere: „Welche Verantwortung wurde dir anvertraut?“
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Überall wir nur von Rechten gesprochen.
Die Bhagavad Gītā spricht zuerst über Pflichten.
Denn Rechte schützen den Einzelnen.
Pflichten schützen die Gemeinschaft.
Eine Kultur zerbricht selten daran, dass Menschen ihre Rechte nicht kennen. Sie zerbricht dann, wenn immer weniger Menschen Verantwortung übernehmen wollen. Diese Entwicklung ist heute in vielen Bereichen zu beobachten.
Partnerschaften scheitern oft daran, dass niemand mehr bereit ist, an sich selbst zu arbeiten, wenn Schwierigkeiten auftreten. Kinder wachsen häufig ohne klare Orientierung auf, weil Erwachsene Angst haben, Grenzen zu setzen.
Freundschaften werden beendet, sobald sie unbequem werden.
Berufe werden gewechselt, sobald Widerstände entstehen.
Natürlich gibt es Situationen, in denen eine Trennung notwendig und richtig ist. Gewalt, Missbrauch oder schwere Zerstörung dürfen niemals mit einer falsch verstandenen Pflicht gerechtfertigt werden.
Die Bhagavad Gītā fordert keine blinde Unterwerfung. Sie fordert verantwortungsvolles Handeln.
Das eigentliche Problem liegt aber tiefer.
Viele Menschen sind nicht mehr dazu erzogen, Verantwortung als selbstverständlichen Teil des Lebens zu verstehen.
Sie haben gelernt, ihre Gefühle ernst zu nehmen.
Sie haben gelernt, ihre Wünsche zu verwirklichen.
Sie haben gelernt, frei zu sein. Aber: Freiheit ohne Verantwortung verliert ihren Wert.
Wer nur noch fragt, was ihm guttut, wird kaum bereit sein, das zu tun, was notwendig ist.
Genau deshalb ist Krishnas Aufforderung an Arjuna bis heute aktuell.
Er sagt nicht: „Folge deinem Gefühl.“
Er sagt auch nicht: „Mach, was dich glücklich macht.“
Er fordert ihn auf: „Steh auf.“
Steh auf in deinen Charakter.
Steh auf in deine Verantwortung.
Steh auf in dein Dharma.
Arjuna möchte fliehen weil seine persönlichen Gefühle seine Pflicht überlagern.
Genau das geschieht auch heute.
Wir wissen oft, was richtig wäre.
Wir wissen, wann wir ein Gespräch führen müssten.
Wann wir Vergebung üben sollten.
Wann wir Verantwortung übernehmen müssten und wir wissen, wann wir konsequent sein sollten.
Und wir weichen aus.
Die Bhagavad Gītā macht deutlich: Nicht jede Entscheidung, die sich gut anfühlt, ist richtig.
Und nicht jede Entscheidung, die schwerfällt, ist falsch.
Charakter entsteht dort, wo der Mensch das Richtige tut, obwohl sein Ego lieber fliehen würde.
Die Krise Arjunas ist nicht nur seine persönliche Krise.
Sie ist die Krise unserer Zeit.
Eine Zeit, die Freiheit höher bewertet als Verbindlichkeit, Selbstverwirklichung höher als Pflichterfüllung und persönliche Wünsche höher als das Wohl der Gemeinschaft.
Die Bhagavad Gītā erinnert uns daran, dass eine stabile Gesellschaft nicht durch Menschen entsteht, die nur ihre Rechte kennen.
Sie entsteht durch Menschen, die bereit sind, ihre Verantwortung zu tragen.
Denn die Flucht vor dem eigenen Dharma führt nicht zum inneren Frieden.
Sondern der Mut, es zu leben.










