Wo, wann und warum haben wir das Wissen um Energie verloren?

Diese Frage stelle ich mir schon seit langem. Nicht nur als Energetikerin sondern insbesondere deshalb, weil es in unserer Umgangssprache so viele ganz deutliche Bezugnahmen auf grundsätzliches energetisches Wissen gibt. Die Aussagen sind aber derart von dem zugrundeliegenden Wissen entkoppelt, dass man sich als denkender Yogi wirklich fragen muss „warum und seit wann“?

Aussagen wie sagen ja alles und man man bleibt staunend zurück, dass sich niemand fragt, was Energie eigentlich in unserem Leben bedeutet! Sie hat eine starke Ausstrahlung; er wirkt kraftlos; sie sprüht vor Energie; dieser Mensch zieht mich hinunter; er raubt mir meine Energie; nach diesem Gespräch war ich völlig ausgelaugt. Sie gibt mir Kraft, seine Gegenwart tut mir gut. Mit ihr fühle ich mich sofort leichter. Er verbreitet eigenartige Stimmung. Er hat etwas dunkles an sich. Von ihr geht eine große Ruhe aus. Sie ist heute ganz aufgeladen;er steht völlig neben sich; sie ist nicht in ihrer. Er ist ganz bei sich; sie wirkt innerlich zerrissen. Solche Aussagen gibt es auch im Hinblick auf unsere Gesundheit:Ich komme langsam wieder zu Kräften; meine Lebensgeister kehren zurück; ich blühe wieder auf; ich danke neue Kraft; es geht wieder aufwärts; ich spüre wieder Leben in mir.meine Energie kommt zurück.die Blockade beginnt sich zu lösen. Ich fühle mich wie neugeboren. Mein Körper richtet sich wieder auf.

Die Behandlung hat mir einen richtigen Energie. Diese Beispiele ließen sich unendlich fortsetzen, beziehen sich auf unsere Psyche, auf unseren Körper, und ebenso auf Räume. Wir sind natürlich, ja wirklich von Natur aus (!) energiefühlig. Wir spüren im wahrsten Sinn des Wortes was uns gut und was uns nicht gut tut. In diesem Artikel will ich insbesondere in die Geschichte der Medizin schauen, ab welchem Zeitpunkt das Thema der Lebensenergie aus dem medizinischen Paradigma rausgeworfen wurde und warum. In Europa lässt sich eine lange Entkopplung von Körper, Seele, Geist und den alten Vorstellungen von Lebenskraft erkennen – besonders vom 17. bis ins 19. Jahrhundert. In der antiken europäischen Medizin war der Mensch keineswegs nur Körper. Hippokratische und später galenische Medizin arbeitete mit pneuma – einem Begriff, der Atem, Lebensprinzip und belebende Kraft miteinander verband.  Galen unterschied sogar verschiedene Formen des pneuma. Das war nicht Prana im indischen Sinn, aber die Vorstellung eines belebenden Prinzips, das über die bloße sichtbare Materie hinausging, gehörte zur europäischen Medizingeschichte.

Dann kommen Renaissance und frühe Neuzeit. Paracelsus im 16. Jahrhundert ist besonders spannend: Er lehnte eine rein stoffliche Betrachtung des Menschen ab und entwickelte Vorstellungen von unsichtbaren Kräften und einem Archaeus, einem inneren organisierenden Lebensprinzip. Auch später existieren in Europa Begriffe wie vis vitalis, Lebenskraft oder Vitalprinzip.

Der eigentliche Bruch beginnt im 17. Jahrhundert.

Mit der mechanistischen Naturphilosophie wird der Körper zunehmend als physikalisch erklärbare Maschine verstanden. Descartes’ Trennung von res extensa und res cogitans – ausgedehnter Materie und denkendem Geist – war dafür philosophisch enorm einflussreich.  William Harveys Entdeckung des Blutkreislaufs, Anatomie, Physik und später Chemie machten gleichzeitig sichtbar, wie viel sich tatsächlich mechanistisch erklären ließ. Das war zunächst einmal ein gewaltiger Erkenntnisgewinn. Später wurde aus einer erfolgreichen Methode zunehmend ein Menschenbild.

Im 19. Jahrhundert wird es dann wesentlich radikaler.

Die Medizin verlagert sich auf Anatomie, Zellbiologie, Pathologie, Chemie und experimentelle Physiologie. Rudolf Virchows Zellularpathologie von 1858 macht die Zelle zum zentralen Ort pathologischer Vorgänge. Claude Bernard entwickelt die experimentelle Medizin. Bakteriologie und Keimtheorie folgen und damit einhergehend verliert der Vitalismus seinen wissenschaftlichen Status. (Vitalismus kommt vom lateinischen vita – Leben – und vitalis – lebendig beziehungsweise Lebenskraft besitzend. Vitalismus bezeichnet die Lehre, dass ein Lebewesen nicht allein durch Chemie und Mechanik erklärbar ist, sondern dass in ihm ein eigenes Lebensprinzip, eine Lebenskraft – vis vitalis – wirkt, die unbelebte Materie nicht besitzt. Die Lehre entstand im 18. Jahrhundert, besonders durch Ärzte wie Georg Ernst Stahl, Albrecht von Haller und Théophile de Bordeu). Und dafür gab es gute Gründe: Viele Vorgänge, für die vorher eine besondere „Lebenskraft“ angenommen worden war, waren nun zunehmend durch Chemie und Physiologie erklärbar, während der Vitalismus seine postulierte Lebenskraft nicht experimentell nachweisen konnte.

Damit geschieht etwas folgenreiches: Aus „Wir können diese Lebenskraft wissenschaftlich nicht nachweisen“ wurde im dominierenden medizinischen Denken zunehmend: „Wir brauchen sie zur Erklärung des Menschen nicht.“

Das ist erkenntnistheoretisch nicht dasselbe.

Um 1900 ist der Paradigmenwechsel weitgehend vollzogen. Die wissenschaftliche Medizin definiert ihre Gegenstände über das, was anatomisch, physiologisch, chemisch, mikrobiologisch und später molekular untersucht werden kann. Und dann passiert folgendes: 1910 Flexner. Carnegie. Rockefeller. Universitäten. Laborwissenschaft. Standardisierung. Damit wird das bereits entstandene biomedizinische Menschenbild institutionell enorm mächtig. 

Es wird nicht von Rockefeller erfunden. Das ist wichtig und das Ausbildungssystem, das dieses Modell privilegiert, wird im 20. Jahrhundert massiv ausgebaut. Deshalb muss man sagen: Nicht ein Jemand hat beschlossen, das Energiewissen abzuschaffen, es ist ganz einfach passiert und hatte enorme Auswirkungen. Interessant jetzt, dass die Naturwissenschaft wieder beginnt, den Körper nicht mehr als eine simple Maschine zu betrachten. Psychoneuroimmunologie, Epigenetik, Neuroendokrinologie, Systembiologie und Regulationsmedizin beschäftigen sich mit hochkomplexen Wechselwirkungen.

Christian Schubert z.B. kritisiert, dass das mechanistische Menschenbild der Komplexität des lebenden Menschen nicht gerecht wird.

Fassen wir zusammen: Antike: Leben besitzt ein belebendes Prinzip. Ayurveda/Yoga: Prana und seine Funktionen gehören zum Verständnis des lebenden Menschen. Chinesische Tradition: Qi und seine geordnete Bewegung gehören zu Gesundheit und Krankheit. Tibetische Medizin: subtile Körper- und Windkonzepte sind Teil des Menschenbildes. Europäische Tradition: pneuma, vis vitalis, Paracelsus und verschiedene Vorstellungen organisierender Lebenskräfte. 17.–19. Jahrhundert: Mechanisierung und Materialisierung des medizinischen Menschenbildes. 19./20. Jahrhundert: experimentelle Biomedizin wird wissenschaftlicher Standard. Ab 1910: dieses Modell erhält über Universitäten, Stiftungen und Ausbildungsreformen enorme institutionelle Durchsetzungskraft. Heute: Wir verfügen über eine ungeheuer leistungsfähige Körpermedizin – aber die Frage nach einer eigenständigen energetischen Organisation des Menschen liegt weitgehend außerhalb ihres wissenschaftlichen Modells.

Was bedeutet das für uns und unsere Arbeit?

Energetisches Wissen ist nicht verschwunden, weil es widerlegt wurde. Es fiel aus dem wissenschaftlichen Modell heraus, weil Prana, Qi und Lebensenergie mit den anerkannten Messmethoden nicht zuverlässig erfasst werden konnten. Die Naturwissenschaft machte das Messbare zum Maßstab des Wissens. Was wir nicht messen können, kann nicht wirksam sein.

Das ist kein wissenschaftlicher Beweis, sondern eine weltanschauliche

Grenzüberschreitung. Der Mensch wurde dadurch nicht tatsächlich entenergetisiert.

Entenergetisiert wurde das medizinische Menschenbild. Der lebendige Mensch wurde immer stärker als messbarer Körper betrachtet: Laborwerte, Organe, Moleküle, Funktionen. Seine feinstoffliche Ordnung, seine Ausstrahlung und sein unmittelbares Empfinden von Kraft, Schwäche, Atmosphäre und energetischer Belastung fanden darin keinen anerkannten Platz mehr.

Warum brauchen Menschen energetisches Wissen?

Wenn das energetische Wissen nicht widerlegt, sondern aus dem anerkannten Menschenbild ausgeschieden wurde, weil seine Wirkebene nicht ausreichend messbar war, dann ist seine Wiedergewinnung kein Rückschritt, sondern nur die notwendige Ergänzung eines unvollständigen Menschenbildes.

Der Mensch braucht energetisches Wissen nicht, weil alles daran bereits messbar ist, sondern weil er ohne dieses Wissen einen wesentlichen Teil seines Lebens weder versteht noch bewusst führen kann.