Erleuchtung und Disziplin

Sind Tugenden Out?

Weltweit sprechen alle spirituellen Lehren bis hinzu den Religionen von der Entwicklung von Tugenden. Alle wollen den Outcome der Tugenden, aber keiner will an den Tugenden arbeiten.
Hier ein einfaches „Wenn – Dann“.
Vielleicht klärt das, vielleicht unterstützt das jene, die bereit sind, an ihren Tugenden zu arbeiten.

TUGENDEN UND IHRE FRÜCHTE

1. Eine Tugend ist eine dauerhaft eingeübte innere Qualität.

2. Sie ist nicht Wissen.

3. Sie ist schon gar nicht Meinung.

4. Sie ist nicht Theorie.

Sie ist gelebter Charakter.

Aristoteles würde sagen:
Eine Tugend entsteht durch wiederholtes richtiges Handeln, bis das Gute zur zweiten Natur wird.

Wir besprechen jetzt die einzelnen Tugenden und vor allem, was mit einem Menschen geschieht, wenn Tugenden gelebt werden.

 

Mut

Wenn gemeistert:
Standhaftigkeit
Handlungsfähigkeit unter Druck
Zivilcourage
Belastbarkeit
Innere Stärke

Wahrhaftigkeit

Wenn gemeistert:
Vertrauenswürdigkeit
Klarheit
Aufrichtigkeit
Innere Einheit
Glaubwürdigkeit

Selbstbeherrschung

Wenn gemeistert:
Impulskontrolle
Disziplin
Verlässlichkeit
Freiheit von Süchten
Stabilität

Großzügigkeit

Wenn gemeistert:
Freigebigkeit
Hilfsbereitschaft
Verbundenheit
Mitgefühl
Dienstbereitschaft

Geduld

Wenn gemeistert:
Ausdauer
Gelassenheit
Frustrationstoleranz
Ruhe
Langfristiges Denken

Gerechtigkeit

Wenn gemeistert:
Fairness
Verantwortungsbewusstsein
Objektivität
Respekt
Friedensfähigkeit

Bescheidenheit

Wenn gemeistert:
Lernfähigkeit
Offenheit
Dankbarkeit
Selbstkritik
Wachstum

Mitgefühl

Wenn gemeistert:
Menschlichkeit
Verbundenheit
Vergebungsfähigkeit
Hilfsbereitschaft
Herzensbildung

Weisheit

Wenn gemeistert:
Urteilsvermögen
Unterscheidungskraft
Klugheit
Voraussicht
Führungskraft

Warum sollte man sich um Tugenden kümmern?
Weil Tugenden das sind, was übrig bleibt, wenn niemand zusieht.
Wissen macht Menschen nicht automatisch besser.
Bildung macht Menschen nicht automatisch besser.
Macht macht Menschen nicht automatisch besser.
Erfolg macht Menschen nicht automatisch besser.

NUR Tugenden entscheiden darüber, was ein Mensch mit Wissen, Macht und Erfolg macht.

Deshalb beschäftigen sich praktisch alle großen Traditionen mit Tugenden:

Konfuzius.
Buddha.
Aristoteles.
Die Stoiker.
Die Bhagavad Gītā.
Patañjali.
Thomas von Aquin.

Sie alle wussten: Ein ungeordneter Charakter zerstört früher oder später jedes Wissen.

 

Der Unterschied zwischen Tugend und Moral

Tugend ist innerlich.

Moral ist äußerlich.

Während Tugend danach fragt: „Wer bin ich“,fragt die Moral „was darf ich“?

Während Tugend danach fragt:Welcher Mensch möchte ich werden, schreibt die Moral“welche Regeln gelten hier?“

Während Tugend nach Charakter fragt, fragt Moral nach Verhalten.
Ein Beispiel: Ein Mensch findet eine Geldbörse.
Moral sagt: Du sollst nicht stehlen.

Tugend sagt: Ein ehrlicher Mensch nimmt nichts, was ihm nicht gehört.
Der Moralische gehorcht einer Regel.
Der Tugendhafte handelt aus seinem Charakter.


Was war zuerst da?
Tugend.

Historisch betrachtet entstanden Tugendlehren lange vor vielen ausgearbeiteten Moralsystemen.

Schon in frühen Stammesgesellschaften wurden Eigenschaften wie:

Mut
Loyalität
Ehrlichkeit
Großzügigkeit
Treue hoch geschätzt.

Warum?

Weil Gruppen ohne diese Eigenschaften nicht überlebten.
Erst später entstanden daraus:

Gebote
Gesetze
Verhaltensregeln
Moralvorschriften

Man könnte sagen: Tugend ist die Wurzel.
Tugend entsteht aus Einsicht.
Moral entsteht aus der Notwendigkeit, auch weniger einsichtige Menschen in einer Gemeinschaft zusammenleben zu lassen.

Viele moderne Gesellschaften haben die Sprache der Tugenden weitgehend verloren.
Früher fragte man:

Ist das mutig?
Ist das ehrenhaft?
Ist das gerecht?
Ist das weise?

Heute fragt man häufiger:

Ist das erlaubt?
Ist das legal?
Ist das vorgeschrieben?
Ist das regelkonform?

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Ein Mensch kann vollkommen legal handeln und trotzdem charakterlich fragwürdig sein.

 

Was geben wir Kindern heute weiter?

Interessanterweise sehr viele Tugenden.
Aber leider oft nur als Worte.

Wir sagen:

Sei ehrlich.
Sei höflich.
Sei freundlich.
Teile mit anderen.
Halte dein Wort.
Hilf Schwächeren.
Streng dich an.
Sei respektvoll.
Übernimm Verantwortung.

Das alles sind Tugenden.

Die Tragik besteht darin, dass viele Erwachsene genau diese Tugenden selbst kaum noch üben.
Kinder erleben deshalb einen Widerspruch. Man erklärt ihnen Ehrlichkeit und lügt.
Man predigt Respekt und beschimpft andere. Man fordert von ihnen Disziplin und lebt selbst impulsiv.
Man spricht von Verantwortung und sucht Schuldige.

Kinder lernen weniger durch Worte als durch Vorbilder.

Deshalb sagte Aristoteles:

Wir werden gerecht, indem wir gerechte Handlungen vollziehen.

Wir werden mutig, indem wir mutige Handlungen vollziehen.

Wir werden tugendhaft, indem wir tugendhaft handeln.

Hier schließt sich der Kreis zur Bhagavad Gītā und zum Yoga.

Krishna beschreibt den Sthita-Prajña (den verwirklichten Menschen) nicht über seine Meinungen.
Er beschreibt ihn über seine Eigenschaften.

Über Gleichmut.
Selbstbeherrschung.
Furchtlosigkeit.
Klarheit.
Unterscheidungskraft.
Innere Stabilität.

Mit anderen Worten:
Der verwirklichte Mensch ist kein Mensch mit den richtigen Ideen.
Er ist ein Mensch, dessen Tugenden stabil geworden sind.

Arbeitest du schon an deinen Tugenden?
Es zahlt sich definitiv aus!