Charakter, Charakter, Charakter

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Charakter ist nicht einfach eine Sammlung guter Eigenschaften.
Charakter ist die Fähigkeit, das Richtige zu tun – auch dann, wenn es unbequem ist.

Deshalb ist Charakter sowohl im Leben als auch im Yoga von zentraler Bedeutung.
Allerdings aus unterschiedlichen Gründen.

Warum Charakter im Leben so wichtig ist?

Jedes menschliche Zusammenleben beruht auf Vertrauen.
Vertrauen entsteht nicht durch Intelligenz, Talent oder Erfolg, sondern durch Verlässlichkeit.
Ein Mensch mit Charakter übernimmt Verantwortung. Er hält sein Wort. Er ist ehrlich, gerecht und respektvoll. Er lernt aus Fehlern, statt Ausreden zu suchen.
Er kann seine Impulse beherrschen und handelt nicht nur nach Lust, Angst oder Wut.

Fehlt Charakter, entstehen genau jene Probleme, unter denen unsere Gesellschaft leidet:
Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Korruption, Betrug, Untreue, Gewalt und mangelnde Verantwortung.

Charakter ist deshalb die Grundlage jeder funktionierenden Familie, jeder Freundschaft, jedes Unternehmens und jeder Gesellschaft.

Warum Charakter im Yoga?

Im Yoga geht es noch einen Schritt weiter.
Yoga versteht den Menschen als Wesen, dessen Geist von den Kleśas, = Unwissenheit, Egoismus, Anhaftung, Abneigung und Angst getrübt ist.
Trübungen verzerren Wahrnehmung und Handeln.

Ein Mensch kann körperlich beweglich sein, meditieren und Atemübungen praktizieren.
Wenn er jedoch weiterhin lügt, manipuliert, neidisch, habgierig oder rücksichtslos ist, bleibt sein Geist unruhig.
Deshalb beginnt der Yogaweg nicht mit Asana, sondern mit den Yamas und Niyamas.
Sie sind keine moralischen Gebote, sondern Methoden der Charakterbildung.
Wer Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Maßhalten und Nicht-Anhaften übt, reinigt den Geist.
Ebenso führen Reinheit, Zufriedenheit, Disziplin, Selbststudium und Hingabe zu innerer Klarheit.

Warum?

Weil jede Tugend eine bestimmte Verunreinigung des Geistes schwächt.

  • Gewaltlosigkeit vermindert Hass.
  • Wahrhaftigkeit löst Selbsttäuschung.
  • Maßhalten schwächt Gier.
  • Zufriedenheit reduziert ständiges Begehren.
  • Disziplin stärkt den Willen.
  • Hingabe lockert die Herrschaft des Ego.

Charakterbildung ist daher im Yoga keine Moralpredigt, sondern Citta-Śuddhi – die Reinigung des Geistes.

Warum ist das für das Erwachen notwendig?

Die klassische Yogaphilosophie sagt: Der Geist ist das Instrument der Erkenntnis. Ist dieses Instrument durch Gier, Angst, Stolz oder Begierde ständig in Bewegung, kann es die Wirklichkeit nicht klar erkennen.

Yoga Sūtras beschreiben Yoga als das Zur-Ruhe-Kommen der Bewegungen des Geistes. Diese Ruhe entsteht nicht allein durch Meditation, sondern durch ein tugendhaftes Leben.
Darum findet man in allen großen spirituellen Traditionen die gleiche Reihenfolge:

Zuerst Charakter. Dann Konzentration. Dann Weisheit.

Nicht weil Tugenden Selbstzweck wären, sondern weil sie den Geist transparent machen.

Zusammengefasst
Im gewöhnlichen Leben ermöglicht Charakter ein friedliches und vertrauensvolles Zusammenleben.

Im Yoga ermöglicht Charakter die Reinigung des Geistes.
Erst ein gereinigter Geist wird still.
Erst ein stiller Geist erkennt die Wirklichkeit.
Deshalb ist Charakter im Yoga keine Nebensache, sondern die eigentliche Grundlage des gesamten spirituellen Weges.