Psychischer Selbstschutz ist nötig!

Meine Reflexion zu diesem Thema ergibt:
Der moderne Begriff „Selbstschutz“ kommt im klassischen Yoga nicht vor.
Warum hat Master es seinen Schülern gelehrt, ist es nötig oder nicht?

Patanjali oder Krishna sagen nicht: „Schütze dich vor schwierigen Menschen.“
Sie stellen vielmehr eine grundlegendere Frage:

Wer ist das Selbst, das geschützt werden muss?

1. Der Körper braucht Schutz.
Das ist selbstverständlich.
Wer seinen Körper mutwillig gefährdet, handelt nicht yogisch.
Ahimsa beginnt auch beim eigenen Körper.

2. Die Psyche braucht Grenzen.
Auch das erkennt Yoga an.
Wer ständig in destruktive Umgebungen geht, sich permanent beschimpfen lässt oder sich immer wieder denselben schädlichen Einflüssen aussetzt, stärkt seine Kleśas statt sie zu überwinden.

Deshalb spricht die Bhagavad Gītā immer wieder von Selbstbeherrschung (dama), Sinneskontrolle und Disziplin.

3. Das Bewusstsein braucht keinen Schutz.
Hier wird Yoga radikal.
Der Ātman kann nicht verletzt werden.
Er kann nicht beleidigt werden.
Er kann nicht erniedrigt werden.
Er kann nicht zerstört werden.

Das sagt Krishna ausdrücklich in Bhagavad Gita.
Alles, was verletzt wird, gehört zur Persönlichkeit, zum Körper, zur Psyche oder zum Ego.
Nicht zum eigentlichen Selbst.

Wer braucht also Selbstschutz?
Je unreifer der Mensch ist, desto mehr Schutz braucht er.

Warum?
Weil er noch nicht unterscheiden kann.
Er nimmt alles persönlich.
Er übernimmt fremde Emotionen.
Er kann schlecht Grenzen setzen.
Er wird von Schuldgefühlen gesteuert.
Er verwechselt Mitgefühl mit Selbstaufgabe.

Dann ist Selbstschutz sinnvoll.
Nicht als Endziel.

Aber sehr wohl als Entwicklungsstufe.

Und der Yogi?
Der Yogi arbeitet auf zwei Ebenen gleichzeitig.
Er schützt dort, wo Schutz notwendig ist.
Er sagt Nein.
Er beendet schädliche Beziehungen.
Er verlässt Gewalt.
Er achtet auf seinen Körper.
Er sorgt für ausreichende Regeneration.

Aber gleichzeitig fragt er:
Warum verletzt mich das überhaupt?

Das ist die eigentliche Yogafrage.

Nicht: “Wie schütze ich mich besser?”

Sondern:

“Welche Anhaftung, welche Angst, welches Ego wird gerade getroffen?”

Denn solange diese Ursachen bestehen, wird der Mensch immer neue Schutzmechanismen brauchen.

Deshalb spricht Yoga mehr von Reinheit als von Schutz.

Patanjali fordert nicht, immer dickere Mauern zu bauen.

Er fordert:

  • Citta (Geist) reinigen.
  • Kleśas ( Leidensursachen) erkennen.
  • Vairāgya ( Unabhängigkeit, Loslassen) entwickeln.
  • Viveka ( Unterscheidungskraft) stärken.

Merke: Ein klarer Geist ist schwerer manipulierbar.
Ein reifer Charakter wird schwerer verletzbar.
Ein Mensch mit Gleichmut reagiert weniger impulsiv.

Das bedeutet nicht, dass niemand mehr Unrecht tun kann.
Aber das Unrecht dringt nicht mehr so tief ein, weil die Identifikation mit dem verletzbaren Ego nachlässt.

Das Paradox
Je weiter ein Mensch auf dem Yogaweg fortschreitet, desto weniger psychischen Selbstschutz braucht er – nicht, weil die Welt harmloser wird, sondern weil seine innere Freiheit wächst.

Er wird nicht naiv.
Er wird nicht wehrlos.
Er wird klarer.
Er erkennt schneller, was heilsam und was unheilsam ist, setzt Grenzen, wenn sie notwendig sind, und verliert sich dennoch nicht in Angst oder Abwehr.

Das ist der Unterschied zwischen einem Schutzwall und innerer Stärke.
Der Schutzwall hält die Welt fern.
Die innere Stärke erlaubt es, der Welt zu begegnen, ohne sich selbst zu verlieren.

Begehrenswerter, abstrebenswürdiger  Zustand, nennt man Ziel.
Der Weg dorthin: Praxis