Charakter ist die Basis für Yoga
Warum ist Charakterbildung die Voraussetzung?
Charakterbildung ist im Yoga keine moralische Nebensache.
Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Yoga überhaupt seine eigentliche Wirkung entfalten kann.
Der Grund dafür liegt im Ziel des Yoga.
Yoga möchte nicht nur den Körper beweglicher oder den Geist ruhiger machen.
Das eigentliche Ziel ist die Erkenntnis des Selbst.
Nach den Yoga Sutras wird dieses Ziel erreicht, wenn die Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen.
Aber genau das verhindert ein unreifer Charakter.
Ein Mensch mit einem ungeformten Charakter wird ständig von seinen eigenen Impulsen beherrscht.
Er wird von Begierde angezogen, von Abneigung abgestoßen, von Angst gelähmt, von Stolz geblendet oder von Neid verzehrt.
Die Aufmerksamkeit springt ununterbrochen zwischen Wünschen, Sorgen und Konflikten hin und her, was den Geist unruhig macht und ein unruhiger Geist kann weder klar erkennen noch tief meditieren.
Deshalb beginnt Yoga nicht mit Meditation, sondern mit Charakterbildung.
Die ersten beiden Stufen des achtgliedrigen Yoga sind Yama und Niyama.
Sie sind keine religiösen Gebote, sondern Methoden zur Reinigung des Charakters.
Wer Gewaltlosigkeit übt, wird innerlich friedlicher.
Wer Wahrhaftigkeit lebt, muss keine Lügen mehr aufrechterhalten.
Wer Maß hält, wird unabhängiger von seinen Begierden.
Wer nicht ständig nimmt, was ihm nicht gehört, entwickelt Achtung.
Wer Genügsamkeit kultiviert, wird freier von ständigem Verlangen.
All diese Tugenden haben denselben Effekt: Sie reduzieren innere Konflikte und dadurch wird der Geist ruhiger.
Charakterbildung ist deshalb nichts anderes als die Veredelung des eigenen Geistes.
Je tugendhafter ein Mensch lebt, desto weniger muss sein Geist ständig reagieren.
Auch die Bhagavad Gita macht diesen Zusammenhang deutlich.
Krishna unterrichtet Arjuna nicht zuerst in Meditationstechniken.
Er spricht zunächst über Mut, Selbstbeherrschung, Pflichterfüllung, Gleichmut und Hingabe.
Warum?
Weil ein Mensch, der seinen eigenen Emotionen ausgeliefert ist, keine stabile Erkenntnis entwickeln kann.
In der Gītā wird sogar genau beschrieben, wie Charakterlosigkeit entsteht:
Aus Anhaftung entsteht Begierde,
aus unerfüllter Begierde Zorn,
aus Zorn Verblendung,
aus Verblendung der Verlust der Erinnerung an das Wesentliche,
daraus der Verlust der Unterscheidungskraft und schließlich der innere Fall.
Diese Kette beschreibt keinen moralischen Fehler, sondern einen psychologischen Prozess.
Charakter schützt also den Geist.
Tugenden im Yoga sind keine gesellschaftlichen Ideale, sondern geistige Fähigkeiten.
Geduld schützt vor Hast.
Wahrhaftigkeit schützt vor Selbsttäuschung.
Demut schützt vor Egoismus.
Mitgefühl schützt vor Härte.
Gleichmut schützt vor emotionalen Ausschlägen.
Mut schützt vor Erstarrung.
Mit jeder Tugend verliert das Ego ein Stück seiner Macht.
Erst dadurch wird das möglich, was Yoga eigentlich anstrebt: ein klarer, stiller und unverzerrter Geist.
In einem solchen Geist kann sich Erkenntnis spiegeln wie der Mond auf einem unbewegten See.
Deshalb könnte man sagen:
Asana, Körperübungen stärken den Körper.
Prāṇāyāma ordnet die Lebensenergie.
Meditation sammelt den Geist.
Charakterbildung macht all das erst dauerhaft möglich.
Ohne Charakter bleibt Yoga eine Technik.
Mit Charakter wird Yoga zu einem Weg der inneren Transformation.
Darum steht Charakterbildung nicht am Rand der Yogaphilosophie – sie bildet ihr Fundament.










