Philosophie und Weisheit

Philosophie – Liebe zur Weisheit oder Spiel des Verstandes?

Was ist Philosophie eigentlich?

Diese Frage scheint heute notwendiger denn je. Denn vieles, was heute unter Philosophie verstanden wird, wirkt wie ein endloses, ja fragwürdiges Spiel des Denkens.
Begriffe werden analysiert, Theorien entwickelt, Meinungen verglichen. Mit welchem Erfolg?
Der Mensch selbst bleibt derselbe. Er denkt mehr, lebt aber nicht bewusster.

Philosophie war einmal etwas völlig anderes.
Das griechische Wort philosophia bedeutet „Liebe zur Weisheit“. Nicht Liebe zum Denken. Nicht Liebe zur Theorie. Nicht Liebe zur Diskussion.
Sondern die Liebe zu einer Erkenntnis, die das Leben verändert.

Die großen antiken Philosophen verstanden Philosophie als Lebensweg.

Sokrates fragte nicht, wie man klüger argumentiert, sondern wie ein Mensch gut lebt. 

Platon suchte das Wahre und Gute. 

Aristoteles beschäftigte sich mit Tugend und dem gelingenden Leben. 

Die Stoische Schule mit Epiktet, Seneca und Marcus Aurelius verstand Philosophie als tägliches Training des Charakters. 

Erkenntnis musste sich im Handeln zeigen.
Und wer nicht anders lebt, hat auch nicht wirklich verstanden.

Hier begegnen sich die antike Philosophie und Yoga.
Auch Yoga will den Menschen nicht mit Wissen füllen, sondern von Unwissenheit befreien. 

Erkenntnis ist keine Information, sondern Transformation.
Ein Gedanke, der den Menschen nicht klarer, freier und verantwortlicher macht, besitzt vielleicht Informationswert, aber noch keinen Weisheitswert.

Im Yoga folgen auf das Hören der Lehre (Śravaṇa) das Nachdenken (Manana) und schließlich die Verwirklichung (Nididhyāsana).
Erst wenn Wahrheit gelebt wird, ist sie zur Erkenntnis geworden.
Hier scheint mir liegt der Unterschied zwischen Weisheit und bloßem Denken.

Auffallend ist auch, dass viele der tiefsten Philosophien nicht in Zeiten des Wohlstands entstanden sind, sondern aus der Begegnung mit Leid.

Epiktet war Sklave. Seine Lehre kreist um die innere Freiheit trotz äußerer Unfreiheit.

Hannah Arendt musste vor dem Nationalsozialismus fliehen. Ihre Auseinandersetzung mit Totalitarismus und Verantwortung entstand aus einer existenziellen Erfahrung.

Viktor Frankl entwickelte seine Gedanken über Sinn unter den Bedingungen der Konzentrationslager.

Diese Menschen philosophierten weder akademisch noch aus Langeweile. Sie suchten Antworten auf die Frage, wie ein Mensch unter den schwersten Bedingungen Mensch bleiben kann.
Und Achtung! Das bedeutet nicht, dass Leid automatisch Weisheit hervorbringt.
Leid kann einen Menschen ebenso verbittert wie reifen lassen. Aber existenzielle Erfahrungen stellen Fragen, die sich aus einem bequemen Leben oft gar nicht ergeben.

Das mag erklären, warum manche Philosophie heute den Eindruck erweckt, sich immer weiter von den wirklichen Lebensfragen zu entfernen. 

Seit der Neuzeit wurde Philosophie zunehmend zu einer akademischen Disziplin. Das brachte wohl Präzision des Denkens hervor aber gleichzeitig ging jene existenzielle Ausrichtung verloren, die die antiken Schulen geprägt hatte.
Das bedeutet auch wieder nicht, dass heutige Philosophie grundsätzlich oberflächlich wäre.
Aber der Schwerpunkt scheint sich häufig verschoben zu haben – von der Frage „Wie soll ich leben?“ hin zur Frage „Wie kann ich möglichst präzise über Begriffe sprechen?“

Damit verliert Philosophie ihren ursprünglichen Auftrag.
Der Mensch braucht nicht noch kompliziertere Gedanken. Er braucht mehr Klarheit.

Vielleicht sollten wir Philosophie wieder so verstehen, wie sie einst gemeint war: als Schule des Lebens, als Übung der Selbsterkenntnis und als Weg zur inneren Freiheit.
Denn eine Philosophie, die den Charakter nicht bildet, den Menschen nicht reifen lässt und sein Handeln nicht verändert, bleibt unvollendet.

Die eigentliche Aufgabe der Philosophie ist nicht, immer neue Gedanken hervorzubringen.
Ihre Aufgabe ist es, den Menschen der Wahrheit näherzubringen.
Und Wahrheit erkennt man nicht daran, wie kompliziert sie formuliert wird.

Sondern daran, dass sie den Menschen verwandelt.