Wann wird ein Mensch zum Kriminellen – und warum bemerkt er es nicht?
David Morens war Arzt, Wissenschaftler, hoher Staatsbeamter und langjähriger Berater von Anthony Fauci. Am 18. August 2026 bekannte er sich schuldig, gemeinsam mit anderen die Vereinigten Staaten durch Täuschung geschädigt zu haben. Er benützte sein privates E-Mail-Konto, um dienstliche Nachrichten vor gesetzlich vorgeschriebener Kontrolle zu verbergen. Darüber wurden interne Informationen weitergegeben, Schreiben an Behördenleitungen bearbeitet und Förderungsentscheidungen beeinflusst. Das war kein Irrtum. Es war eine Verschwörung, und Morens hat sich dazu bekannt. US-Justizministerium
Der Kampf im Hintergrund
Eine staatliche Forschungsförderung wurde gestrichen. Morens und seine Vertrauten wollten diese Entscheidung rückgängig machen und zugleich verhindern, dass die Öffentlichkeit erfuhr, wie sie dabei vorgingen. Deshalb wichen sie bewusst auf private E-Mails aus. Wie sie ihr eigenes Handeln verstanden, zeigt eine Nachricht, die Morens gemeinsam mit zwei Flaschen Wein erhielt. Der Absender dankte ihm für seine Unterstützung und seine Aktivitäten hinter den Kulissen im Kampf gegen den Chef seines Chefs, gegen dessen Chef und schließlich gegen den „obersten Chef auf dem Hügel“. Damit war offenbar der damalige Präsident Donald Trump gemeint. Hier arbeiteten Menschen innerhalb staatlicher Einrichtungen verdeckt gegen mehrere Vorgesetztenebenen bis hinauf zum gewählten Präsidenten. Sie hielten ihre Sache für wichtiger als Amtspflicht, Gesetz und öffentliche Kontrolle. Das ist keine Panne. Das ist organisierter Machtmissbrauch.
Zwei Flaschen Wein
Besonders erschütternd ist der Preis. Morens erhielt zwei Flaschen Wein. Danach schrieb er, nun müsse er etwas tun, um das Geschenk zu verdienen. Als mögliche Gegenleistung nannte er einen wissenschaftlichen Kommentar in einer angesehenen Fachzeitschrift, der für einen natürlichen Ursprung von SARS-CoV-2 argumentieren sollte. Zusätzlich wurden ihm Essen in Michelin-Restaurants in Aussicht gestellt. Morens bekannte sich auch zur Beteiligung an einer Vereinbarung über unzulässige Zuwendungen. Weitere erhebliche Zahlungen sind bisher nicht öffentlich belegt. US-Justizministerium Das macht die Sache nicht kleiner, sondern größer. Ein hochrangiger Wissenschaftler musste offenbar nicht mit Millionen gekauft werden. Zwei Flaschen Wein, Anerkennung und die Aussicht auf ein feines Essen begleiteten bereits sein Handeln. Vermutlich war der Wein nicht einmal der wirkliche Antrieb. Morens wollte offenbar ohnehin „helfen“. Er teilte das Ziel, sah dieselben Gegner und fühlte sich derselben Gruppe verpflichtet. Der Wein war das Dankeschön eines Bundes: Wir wissen, was du im Hintergrund für uns tust. Du gehörst zu uns. Das ist Käuflichkeit in ihrer armseligsten Form. Der Mensch verkauft nicht erst seine Überzeugung. Er hat seine Amtspflicht preisgegeben und freut sich anschließend über die Anerkennung.
Wie wird also ein anständiger Mensch kriminell?
Vermutlich beginnt es sehr selten mit dem Gedanken: Ich werde jetzt und heute zum Verbrecher. Es beginnt viel eher mit einer Rechtfertigung: Wir vertreten die richtige Sache. Dann folgt die nächste: Unsere Gegner sind gefährlich. Und zuletzt: Deshalb dürfen wir Regeln umgehen, Informationen verbergen und die Öffentlichkeit täuschen. Der Mensch nennt den Machtmissbrauch dann Verantwortung. Er nennt dann Täuschung Schutz und Verschwörung Zusammenarbeit. Und er nennt den Widerstand gegen Kontrolle Mut. Auf diese Weise kann er bewusst Unrecht tun und sich trotzdem weiterhin für einen guten Menschen halten.
Wissenschaft schützt nicht vor Charakterlosigkeit
Wissenschaftliche Bildung macht einen Menschen fachkundig. Sie macht ihn nicht wahrhaftig, gerecht oder unbestechlich. Intelligenz kann Selbsttäuschung sogar erleichtern, weil der intelligente Mensch bessere Begründungen für sein Verhalten findet. Er kann sein Eigeninteresse als Dienst an der Menschheit darstellen und seine Gegner zu Feinden der Wissenschaft erklären. Dann entsteht der gefährlichste Satz überhaupt: Weil wir recht haben, dürfen wir das. Ab diesem Augenblick wird Wissenschaft zum Machtinstrument. Dann zählt nicht mehr, was offen geprüft werden kann sondern es zählt, welche Darstellung durchgesetzt werden soll.
Wenige lenken, viele schwimmen mit
Der Fall Morens beweist eine konkrete Verschwörung innerhalb bedeutender amerikanischer Wissenschafts- und Gesundheitsinstitutionen. Damit müssen weitere Fragen gestellt werden: Wer wusste davon? Wer profitierte? Welche Förderungen, Veröffentlichungen und öffentlichen Aussagen wurden beeinflusst? Wer handelte bewusst? Und wer schwamm mit, vertraute, gehorchte, um seine Karriere zu schützen oder war zu feige, selbst zu prüfen? Große Fehlentwicklungen benötigen nicht tausende eingeweihte Täter. Es reichen wenige Menschen an entscheidenden Stellen, die Informationen auswählen, Geld steuern, Veröffentlichungen beeinflussen und bestimmen, welche Auffassung als wissenschaftlich gilt. Viele andere übernehmen diese Auffassung und halten Anpassung für Erkenntnis. Die einen führen, die anderen gehorchen. Die einen wissen, was sie verbergen; die anderen wollen es nicht wissen. Aber: auch die Mitläufer tragen Verantwortung. Blindheit und Feigheit werden nicht dadurch zu Tugenden, dass sie strafrechtlich nicht verfolgt werden.
Der entscheidende Augenblick
Ein Mensch wird also nicht erst kriminell, wenn ihn ein Gericht verurteilt. Charakterlich beginnt es viel früher: Wenn er die Wahrheit seinem Ziel unterordnet. Wenn Loyalität wichtiger wird als Recht. Wenn er Kontrolle als Angriff betrachtet. Wenn er offizielle Wege verlässt, damit sein Handeln nicht sichtbar wird. Wenn er Geschenke von Menschen annimmt, deren Interessen von seinen Entscheidungen abhängen. Wenn er sich über Gesetz und Öffentlichkeit stellt, weil er sich für klüger und moralisch überlegen hält. Morens wollte und wusste, dass seine Nachrichten nicht gefunden werden sollten. Er wusste, dass er im Hintergrund arbeitete. Er wusste, dass er den offiziellen Weg umging. Er dachte vermutlich sehr lange nicht: Ich bin ein Krimineller. Er dachte vermutlich: Ich bin einer von den Guten. Und genau darin liegt die Gefahr. Nicht der offen böse Mensch ist am gefährlichsten, sondern der Mensch, der Unrecht tut und sich dabei für mutig, anständig und moralisch überlegen hält. Die entscheidende Charakterfrage lautet daher: Was tue ich, wenn Wahrheit, Gesetz und Verantwortung meiner Überzeugung, meiner Zugehörigkeit oder meiner Macht im Weg stehen? Dort beginnt der Weg in die Kriminalität. Und dort und nur dort könnte der Mensch den Weg ins Kriminal noch beenden.










