Über gebrochene Versprechen, das Schweigen danach und eine versäumte Gelegenheit zur Charakterbildung
In meiner Arbeit als spirituelle Lehrerin erlebe ich immer wieder eine schmerzliche Entwicklung.
Menschen kommen uns nahe, nehmen Anteil an unserer Arbeit, erfahren Unterstützung und sprechen mit großer Überzeugung darüber, was sie beitragen, übernehmen oder verwirklichen werden.
Es entsteht Vertrauen und dann bleiben ihre Versprechen unerfüllt.
Was mich beschäftigt ist vor allem das, was anschließend geschieht: Das Gespräch bleibt aus. Die Menschen ziehen sich zurück, ignorieren oder meiden uns.
Die Beziehung bleibt damit ungeklärt. Oft weitet sich dieser Rückzug auf die Lehren Master Choa Kok Suis aus, was sehr zum Schaden für den betreffenden Menschen ist. Das bedrückt mich besonders.
Denn die Schwierigkeit, die sichtbar geworden ist, könnte zum Gegenstand spiritueller Praxis werden.
Was ein Versprechen tatsächlich verlangt
Versprechen, Committment, reicht über den Augenblick hinaus, in dem es ausgesprochen wird und verbindet die gegenwärtige Absicht mit meinem zukünftigen Verhalten.
Ein anderer Mensch darf und soll (gut fürs Ego!) beginnen, mit mir zu rechnen.
Dieser wiederum richtet möglicherweise seine Zeit, seine Arbeit oder seine Entscheidungen danach aus.
Begeisterung kann die Ursache sein, ja. Um es zu erfüllen, braucht es weitere Fähigkeiten: die eigene Kraft richtig einzuschätzen, Prioritäten zu setzen, Schwierigkeiten auszuhalten und auch dann zu handeln, wenn die ursprüngliche Begeisterung nachlässt.
Hier liegt eine wichtige Unterscheidung. Ich kann aufrichtig begeistert sein und meine Verlässlichkeit trotzdem überschätzen. Ich kann mich einer Lehre tief verbunden fühlen und die Charaktereigenschaften, die ihre Anwendung verlangt, erst unzureichend entwickelt haben.
Spirituelle Nähe hebt diese Diskrepanz allerdings nicht auf, auch wenn sie vielleicht in der Lage ist, sie kurzfristig zu verdecken.
In der Gemeinschaft mit einem Lehrer erleben die Menschen ja oft eine Klarheit und Entschlossenheit, die sie im eigenen Alltag noch nicht selbstständig aufrechterhalten können.
Wenn das eigene Verhalten das Selbstbild erschüttert
Nach einem gebrochenen Versprechen steht mehr zur Prüfung als eine einzelne Zusage.
Vielleicht habe ich mich als großzügigen, verlässlichen und hingebungsvollen Menschen verstanden und jetzt zeigt mein Verhalten eine Grenze dieses Selbstbildes. Diese Grenze anzuerkennen kann schmerzhaft sein.
Ich müsste sagen: Ich habe mich überschätzt.
Ich habe etwas zugesagt, das ich nicht getragen habe.
Ein anderer Mensch hat darauf vertraut.
Eine mögliche Reaktion darauf ist Scham, entstanden aus der Erfahrung, mich in meiner Unzulänglichkeit gesehen zu fühlen. Dann kann bereits die Gegenwart des anderen unangenehm werden.
Er muss mich dabei gar nicht kritisieren, es genügt, dass er weiß, was ich versprochen habe.
Wer diese Spannung durch Rückzug vermindert, erreicht zunächst vielleicht Erleichterung, das Versäumnis bleibt aber bestehen. Und die Fähigkeit, damit wahrhaftig umzugehen, wird auf diese Weise nicht geübt.
Die spirituelle Bedeutung des ungeführten Gesprächs
Ein Gespräch über das eigene Versäumnis verlangt eine besondere Form von innerer Arbeit.
Ich muss bei einer unangenehmen Wahrheit bleiben können, ohne sofort eine Erklärung zu suchen, die mich entlastet.
Ich muss die Folgen meines Handelns ansehen können, ohne mich deshalb als ganzen Menschen zu verwerfen.
Hier wird Charakterbildung konkret.
Korrekte Wahrnehmung bedeutet, zwischen meiner guten Absicht und meinem tatsächlichen Verhalten zu unterscheiden.
Korrekter Ausdruck bedeutet, das Erkannte klar auszusprechen.
Liebevolle Freundlichkeit und Nicht-Verletzen verlangen, die Enttäuschung des anderen ernst zu nehmen und Konstanz von Ziel und Bemühung verlangt, aus dieser Einsicht eine Handlung werden zu lassen.
Die Tugenden, die in den Lehren Master Choa Kok Suis einen wesentlichen Platz haben, betreffen damit auch jene Situationen, in denen wir uns selbst am wenigsten gerne betrachten.
Ein Satz wie „Ich habe mein Versprechen nicht gehalten“ ist spirituell sehr anspruchsvoll.
Er verlangt nämlich, auf die Verteidigung des eigenen Bildes zu verzichten.
Die nächste Frage geht noch weiter: „Was kann ich jetzt richtigstellen?“
Die spirituelle Übung besteht darin, die eigene Unvollkommenheit so anzuerkennen, dass Verantwortung wieder möglich wird.
Selbstverachtung hilft dabei ebenso wenig wie Selbstrechtfertigung.
Beide können die Aufmerksamkeit bei mir festhalten, während der andere weiterhin auf eine Klärung wartet.
Warum sich der Rückzug auf die Lehre ausweiten kann
Da Lehrer, Gemeinschaft und Lehre innerlich eng miteinander verbunden sind, kann eine ungeklärte Beziehung alle drei berühren.
Die Erinnerung an eine Tugend erinnert mich dann möglicherweise zugleich daran, wo ich sie nicht gelebt habe.
Eine Meditation, ein Unterricht oder eine Begegnung kann mich wieder an die offene Verpflichtung heranführen.
Damit verändert sich mein Verhältnis zur Lehre.
Was ich zuvor als Orientierung angenommen habe, kann sich jetzt wie eine Zumutung anfühlen.
Die Lehre verlangt ja weiterhin jene Aufrichtigkeit, vor der ich gerade zurückweiche.
Eine mögliche Folge ist, dass ich Abstand zu den Menschen und zu den Inhalten suche, die mich an diese Aufgabe erinnern.
Vielleicht beginne ich auch, sie abzuwerten.
Eine solche Abwertung kann mich davon entlasten, meinen eigenen Anteil zu untersuchen.
Ob sie tatsächlich diese Funktion hat oder ob berechtigte Kritik vorliegt, muss sorgfältig geprüft werden.
Als spirituelle Frage lässt sich dieser Vorgang so formulieren: Was geschieht mit meiner Hingabe, wenn die Lehre etwas von mir verlangt, das mein Selbstbild erschüttert?
Solange ich mich durch eine Lehre bestätigt fühle, fällt die Zustimmung leicht. Anspruchsvoller wird es, wenn ich durch sie erkennen muss, dass mein Verhalten hinter meinem eigenen Anspruch zurückbleibt.
An dieser Stelle entscheidet sich, ob ich die Erkenntnis in meine Praxis aufnehme.
Die Freiheit zu gehen und die Verantwortung zu klären
Diese Überlegung darf niemals dazu dienen, Menschen an einen Lehrer zu binden. Jeder Mensch darf eine Gemeinschaft verlassen, eine Lehre prüfen oder seinen Weg verändern.
Kritik an einem Lehrer ist nicht automatisch ein Ausdruck mangelnder spiritueller Reife. Auch Lehrer müssen ihr Verhalten prüfen und Verantwortung übernehmen.
Die Freiheit, sich neu zu orientieren, beseitigt aber nicht von selbst eine bereits übernommene Verpflichtung.
Ich kann gehen und trotzdem aussprechen, was ich nicht erfüllt habe. Ich kann eine Zusage zurücknehmen, ihre Folgen anerkennen und klären, was noch möglich ist.
Aufrichtigkeit verlangt keine ewige Zugehörigkeit.
Sie verlangt, dass ich meine Entscheidung und mein Verhalten verantworten kann.
Was beim Lehrer zurückbleibt
Für die Menschen, die gemieden werden, bleibt häufig mehr zurück als eine unerledigte Aufgabe.
Es bleiben die Verletzung, die fehlende Erklärung und die Frage, was aus der erlebten Nähe geworden ist.
Schweigen nimmt ihnen die Möglichkeit, gemeinsam zu verstehen, was geschehen ist.
Auch ein spiritueller Lehrer darf darüber traurig sein.
Zuneigung und Vertrauen verlieren ihren Wert nicht dadurch, dass eine Beziehung scheitert.
Die Verletzung anzuerkennen gehört zur eigenen Wahrhaftigkeit.
Zugleich muss der Lehrer die Sorge um den Schüler von seiner Verantwortung für ihn unterscheiden. Der Lehrer kann eine Klärung ermöglichen, auf einen Widerspruch hinweisen und die Lehre vermitteln.
Die Bereitschaft, das eigene Verhalten anzusehen, muss der andere selbst entwickeln.
Eine Grenze kann deshalb ebenso notwendig sein wie eine offene Tür.
Neue Verantwortung setzt Verlässlichkeit voraus und Versöhnung braucht die Bereitschaft, sich dem Geschehenen zuzuwenden.
Liebevolle Freundlichkeit verpflichtet den Lehrer nicht dazu, unerfüllte Zusagen unbegrenzt aufzufangen.
Die Gelegenheit, die im Scheitern liegt
Mich bedrückt die mögliche Entfremdung von der Lehre, weil gerade an diesem Punkt eine wesentliche Entwicklung beginnen könnte.
Ein Mensch erkennt seine Grenze. Er spricht sie aus. Er hält die Enttäuschung des anderen aus. Er übernimmt Verantwortung für das, was möglich ist, und verspricht künftig sorgfältiger.
Darin liegt eine konkrete Reifung: Seine Worte werden tragfähiger. Seine Selbstwahrnehmung wird genauer. Seine Beziehungen müssen weniger von anderen Menschen getragen werden.
Der spirituelle Weg schließt solche Prüfungen ein.
Die Lehre erreicht unser Leben dort, wo wir unsere Absichten, Worte und Handlungen miteinander in Übereinstimmung bringen müssen.
Wenn ich nach einem gebrochenen Versprechen das Gespräch suche, gebe ich der Wahrheit wieder einen Platz in der Beziehung. Und ich gebe der Lehre einen Platz in meinem Verhalten.










