Wer bin ich?
Wer bin ich, wenn alles wegfällt, worauf ich mich sonst stütze?
Stell dir vor, man nimmt dir Stück für Stück alles weg, womit du dich gewöhnlich beschreibst: Deinen Körper, Dein Geschlecht, Dein Alter, Deine Biografie, Deine Leistungen, Deine Verletzungen oder gar Deine Meinungen?
Was bleibt dann?
Zu allererst heftiger Widerstand, dann vermutlich Leere und Unsicherheit.
Schauen wir tiefer: Der Körper verändert sich definitiv ständig. Mit zwanzig war er nachweislich und sichtbar anders als mit vierzig. Dazu sagst Du: Das war ich.
Die Gedanken wechseln im Minutentakt; ca 40.000 Gedanken erzeugt der Mensch pro Tag. Was Du gestern für wahr gehalten hast, siehst Du heute möglicherweise ganz anders.
Dazu sagst Du: Ich habe meine Meinung geändert, ich habe etwas erkannt.
Gefühle steigen in uns auf wie Wetter. Mal gut, mal schlecht. Wut, Freude, Angst kommen schnell und gehen schnell.
Dazu sagst Du: Ich war wütend.
Wer ist dieses „Ich“, das alles durchlebt, was wir Leben nennen, aber nicht mit dem Erlebten ident ist?
Es gibt ganz offensichtlich etwas, das jede Veränderung mitbekommt, ohne dass es selbst je zum Objekt wird; das ist das Bewusstsein. Dieses „Du“ kann deinen Körper beobachten, deine Gedanken, deine Gefühle.
Sobald Du aber versuchst, den Beobachter zu beobachten, bist du wieder der, der schaut.
Der entscheidende Punkt ist: Du bist nicht das, was erscheint. Du bist das, dem es erscheint.
Und hier wird es unbequem, denn mit der Betrachtung bricht ein großer Teil deiner gewohnten Identität weg.
Dann bist du nicht mehr der/die Erfolgreiche oder der/die Gescheiterte. Nicht mehr der/die Starke oder Verletzte. Nicht mehr der/die Lehrer/in, die Mutter, der/die Unternehmer/in. Alles das sind Rollen. Und ja, die Rollen sind wirklich und wichtig und erlaubt im Leben, aber das bist Du nicht!
Dein Wesen ist das stille Dasein, in dem all diese Rollen auftauchen.
Gefährlich wird’s allerdings, wenn wir uns verstricken. Diese Verstrickungen sind leicht erklärt:
Jemand lobt Dich und Du willst mehr davon.
Jemand kritisiert Dich und Du ziehst dich zusammen.
Angenehmes will festgehalten werden.
Unangenehmes will abgewehrt werden.
Das sind Im Yoga Rāga und Dveṣa – Anziehung und Abneigung und diese entstehen aus Identifikation und haben die ungute Eigenschaft, den Willen zu binden, wenn Buddhi( Korrekte Wahrnehmung) nicht gelebt wird und daher führt.
Was macht das?
Ein permanentes Ziehen und Stoßen im Inneren und was viel Ärger ist als das: der Verlust des klaren Blickes.
Der Körper reagiert, der Atem wird enger, das Nervensystem geht in Alarm; Gedanken drehen sich.
Und plötzlich bist du wieder vollständig identifiziert. Automatisch.
Erkenne: Das alles geschieht in Dir, in deinem Feld des Bewusstseins, aber das bist Du nicht.
Unterscheide:
Bewusstsein ist das universelle, unveränderliche Wahr-Sein selbst aus dem Ge-wahr-Sein entstehen kann und dann in der Folge geistige Freiheit.
Deine Seele ist die individuelle Ausdrucks- und Erfahrungsebene des Bewusstseins in Deiner konkreten Lebensform.
Was hat es mit der Angst vor dem Tod , der Urangst, aus der sich alle anderen Ängste entwickelt haben, auf sich?
Der biologische Organismus ist dazu da, zu leben. Der Körper reagiert daher auf jede Art von Bedrohung.
Das, was wahrnimmt stirbt nicht. Was stirbt ist die Form und was bleibt ist das Bewusstsein, in dem die Form erscheint.
Das verschiebt die Perspektive auf sich selbst und die Welt radikal.
Du bist nicht ein kleines Ich, das Bewusstsein besitzt. Du bist Bewusstsein, das vorübergehend eine Person erlebt.
Solange das ein mutiger oder auch angstmachender Gedanke bleibt, verändert sich nichts; es ist nur eine weitere Datei im Kopf. Wenn es aber wirklich gesehen und erlebt wird, verliert vieles seine Schwere.
Angst wird dann ein Signal, nicht unsere Identität.
Kritik wird eine Information und nicht Bedrohung des Seins.
Erfolg wird zur Erfahrung und nicht zur Basis von Selbstwert.
Die Frage „Wer bin ich?“ ist keine philosophische Spielerei.
Sie ist die Grundlage von und für Freiheit. Freiheit ist Freiheit von Verwechslung.
Du bist das stille, wache Dasein, das all deine Erfahrungen trägt, ohne selbst je zu verschwinden.












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