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Javier Milei vor der UNO – Wahrheit, Freiheit und die Frage nach dem Charakter

Javier Milei hielt am 23. September 2026 seine Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Unabhängig davon, wie man seine Politik beurteilt ist diese Rede bemerkenswert und wert, sich damit auseinanderzusetzen.

Milei spricht über etwas, das in der Politik viel zu selten grundsätzlich diskutiert wird:
Wahrheit. Freiheit. Angst. Macht. Verantwortung.

Aus yogischer Sicht kommt für mich noch etwas Entscheidendes hinzu: Charakter.

Lieber eine unbequeme Wahrheit

Milei beginnt seine Rede mit einem Satz, bei dem ich sofort aufmerksam wurde:
Eine unbequeme Wahrheit ist einer angenehmen Lüge immer vorzuziehen.

Er bezieht das zunächst natürlich auf Argentinien. Seine Regierung habe ein Land in einer schweren Krise übernommen. Man habe sich entschieden, den Zustand nicht schönzureden. Denn wenn eine Gesellschaft ihre Probleme nicht wahrhaben will, kann sie sie auch nicht lösen.
Das ist politisch bemerkenswert. Und es ist zutiefst yogisch.

Patañjali nennt satya, Wahrhaftigkeit, als eines der Yamas.
Aber Yoga verlangt noch mehr: korrekte Wahrnehmung.
Bevor ich die Wahrheit aussprechen kann, muss ich bereit sein, die Wirklichkeit zu sehen, auch wenn sie mir nicht gefällt.

Das gilt für den einzelnen Menschen genauso wie für eine Gesellschaft.

Mileis Angriff auf die UNO

Von diesem Wahrheitsanspruch aus greift Milei die UNO frontal an.
Sein Vorwurf besteht aus zwei Teilen: Die UNO tue einerseits nicht mehr ausreichend das, wofür sie geschaffen worden sei: internationales Recht sichern, nationale Souveränität schützen und Konflikte friedlich lösen. Andererseits mische sie sich zunehmend in Bereiche ein, die nach Mileis Auffassung nicht zu ihrem ursprünglichen Auftrag gehören.

Er kritisiert internationale Bürokratie, Agenda 2030, wirtschaftliche Regulierung, Gender- und Umweltpolitik sowie Migrationspolitik.
Ob man seine Schlussfolgerungen teilt oder nicht: Seine eigentliche Frage ist berechtigt und muss mAn.beantwortet werden:
Erfüllt eine Institution noch den Zweck, für den sie geschaffen wurde?

Aus yogischer Sicht wäre die Forderung zunächst erstaunlich schlicht:
Schau hin und urteile nicht danach, was eine Institution über sich selbst sagt.
Nicht danach, was wir über sie glauben möchten oder was man uns erzählt. Urteile danach, was tatsächlich geschieht.

Korrekte Wahrnehmung vor korrektem Urteil.

Malvinas: Was sind Worte wert?

Am Beispiel der Malvinas/Falklandinseln stellt Milei eine weitere unangenehme Frage.
Wenn eine internationale Organisation Resolutionen beschließt, diese aber über Jahrzehnte keine entsprechenden Konsequenzen haben – was sind diese Resolutionen dann wert?

Für Milei verliert eine Institution Autorität, wenn zwischen ihren Worten und der Wirklichkeit dauerhaft eine Kluft besteht.
Auch hier begegnet uns ein zutiefst yogisches Prinzip: Gedanke, Wort und Handlung müssen möglichst übereinstimmen.

Wahrhaftigkeit besteht nicht darin, das Richtige zu verkünden.
Wahrhaftigkeit zeigt sich darin, ob das Gesagte und das Getane zusammenpassen.
Das gilt für Menschen. Und das gilt ebenso für alle von Menschen gemachten Institutionen.

Freiheit – das Zentrum seiner Rede

Mileis eigentliches Thema ist Freiheit. Er will weniger staatliche und institutionelle Kontrolle. Staaten sollen souverän sein, Menschen selbst entscheiden und wirtschaftliche sowie technologische Entwicklung möglichst frei stattfinden können.

Hier würde Yoga eine Ergänzung machen: Freiheit verlangt Selbstbeherrschung. Je weniger ein Mensch von außen begrenzt werden soll, desto mehr muss er fähig sein, sich selbst zu führen. Andernfalls wird Freiheit zur Herrschaft von Gier, Begehren, Angst oder Machtinteressen.

Genau deshalb beginnt Patañjali nicht mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, sondern mit Charakter:
ahiṃsā – Nicht-Verletzen.
satya – Wahrhaftigkeit.
asteya – Nicht-Stehlen.
brahmacarya – Mäßigung und Beherrschung der eigenen Kräfte.
aparigraha – Nicht-Greifen.

Freiheit ohne Charakter ist gefährlich.

Angst als politisches Instrument

Besonders scharf wird Milei beim Thema Angst.
Im Zusammenhang mit der Pandemie erhebt er sehr weitreichende Vorwürfe gegen internationale Institutionen und verwendet sogar den Begriff „Genozid“. Das ist seine politische Bewertung und sollte als solche behandelt werden.
Interessanter ist der dahinterliegende Gedanke. Milei behauptet, Angst könne benutzt werden, um Menschen dazu zu bringen, Freiheiten aufzugeben.
Hier lohnt sich der Blick auf Yoga. Patañjali zählt abhiniveśa, das tiefe Festhalten am Leben und die damit verbundene existentielle Angst, zu den kleśas.
Angst ist mächtig. Aber Yoga sagt nicht: Ignoriere die Gefahr.
Yoga verlangt: Sieh die Gefahr klar – aber überlasse der Angst nicht die Führung.

Das ist ein erheblicher Unterschied. Mut reicht nicht.
Mileis Antwort auf Angst lautet Mut.
Der Unsicherheit stellt er Entschlossenheit entgegen, dem Niedergang Ehrgeiz und der Resignation Optimismus.

Das gefällt mir – aber aus yogischer Sicht fehlt mir da ein entscheidender Schritt:
Unterscheidungskraft. Denn: auch der falsche Weg kann mit großem Mut beschritten werden.

Yoga verlangt buddhi: die Fähigkeit zu unterscheiden.
Was ist wahr? Was ist richtig? Was dient? Was verletzt?
Und erst dann: Handle.

Künstliche Intelligenz: Können wir alles tun, was wir können?

Milei überträgt seine Freiheitsidee schließlich auch auf das neu entflammte Thema künstliche Intelligenz. Er warnt davor, aus Angst vor neuen Technologien vorschnell immer neue Kontrollen zu schaffen. Argentinien solle bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz an der Spitze der Freiheit stehen.
Gleichzeitig sagt er aber ausdrücklich: Vorsicht ist notwendig; Vorsicht sei aber nicht dasselbe wie Angst.

Hier würde Yoga eine weitere Frage hinzufügen: Ist der Mensch charakterlich reif genug für die Macht, die er gerade entwickelt?
Denn technische Fähigkeit ist noch keine Weisheit.

Wir können immer mehr.
Aber die Frage ist: wächst gleichzeitig unsere Wahrhaftigkeit? Unsere Selbstbeherrschung? Unser Nicht-Verletzen? Unsere Unterscheidungskraft? Unsere Verantwortung?
Wenn unsere Macht schneller wächst als unser Charakter, haben wir ein Problem.

Genau da liegt für mich auch die Bedeutung dieser Rede.
Mich interessiert seine Forderung: Seht hin. Sagt die Wahrheit. Lasst euch nicht durch Angst beherrschen. Übernehmt Verantwortung für eure Freiheit.
Hier berührt die Rede etwas, das weit über Argentinien hinausgeht.
Ich glaube, wir haben in unseren Gesellschaften nicht nur ein politisches Problem.
Wir haben vor allem ein Charakterproblem.

Wo Wahrhaftigkeit durch taktische Kommunikation ersetzt wird, wo niemand einen Fehler eingestehen kann, wo Verantwortung immer beim anderen liegt, wo Angst instrumentalisiert wird, wo Macht nicht von Charakter getragen wird und wo das ausgesprochene Wort mit dem tatsächlichen Handeln immer weniger übereinstimmt, beginnt gesellschaftliches Vertrauen zu zerfallen.
Genau deshalb ist Charakterbildung keine altmodische Tugendlehre; sie ist eine Voraussetzung für eine freie Gesellschaft. Denn Freiheit verlangt Menschen, die mit Freiheit umgehen können.

Und deshalb bleibt für mich nach dieser Rede eine Frage:
Wir verlangen zu Recht Wahrheit und Klarheit von unseren Politikern und Institutionen.

Verlangen wir Wahrheit, Klarheit und Charakter auch von uns selbst?