Wo liegt das Geheimnis der emotionalen Bewusstlosigkeit vieler Männer?
Viele Frauen leiden.
Es gibt eine Form männlicher Verschlossenheit, die weit über Wortkargheit hinausgeht. Ein Mensch kann zuverlässig sein, arbeiten, helfen und durchaus Wohlwollen empfinden. Sobald aber eine Begegnung ihn innerlich fordert, scheint etwas abzuschalten.
Er wird grob, weicht aus, schweigt oder macht das Gespräch unmöglich.
Die Verletzung seines Gegenübers führt kaum zu sichtbarer Selbstprüfung.
Selbst der Verlust von Nähe scheint ihn nicht in Bewegung zu bringen.
Wie ist das zu verstehen?
Wir alle haben Enttäuschungen erlebt.
Viele Menschen finden trotzdem den Mut, empfindsamer zu werden, Verantwortung zu übernehmen und sich weiterzuentwickeln.
Der Hinweis auf frühere Verletzungen genügt deshalb nicht.
Die entscheidende Frage lautet: Was hält das Verschließen aufrecht?
„Emotionale Bewusstlosigkeit“ ist hier eine Beschreibung, keine klinische Diagnose. Gemeint ist ein Zustand, in dem jemand die eigene innere Bewegung und ihre Wirkung auf andere kaum untersucht.
Das betrifft auch Frauen.
Bestimmte kulturelle Erwartungen an Männer können diese Haltung jedoch begünstigen und festigen.
Wenn Härte als Reife gilt
Eine Kultur vermittelt Maßstäbe dafür, welche Eigenschaften Anerkennung verdienen. Wo ein Mann vor allem funktionieren, sich durchsetzen, unabhängig bleiben und Kontrolle zeigen soll, kann Empfindsamkeit als gefährlich erscheinen.
Die Botschaft lautet dann: Lass dich nicht aus der Fassung bringen. Brauche niemanden. Zeige keine Schwäche.
Bestätigt ist der Zusammenhang zwischen bestimmten Männlichkeitsnormen und Schwierigkeiten, Unterstützung anzunehmen.
Eine Untersuchung der WHO für Europa nennt Selbstgenügsamkeit, eingeschränkten Gefühlsausdruck und Selbstkontrolle als wesentliche kulturelle Hindernisse.
Diese Befunde betreffen das Hilfesuchen; sie erklären nicht sämtliche Formen von Grobheit. Sie zeigen aber, dass Verschlossenheit gesellschaftlich mitgeprägt wird.
Als kulturpsychologische Deutung ergibt sich daraus: Manche Männer erleben ihre Härte als gelungenes Mannsein.
Was ihr Gegenüber als Beziehungsmangel empfindet, erscheint ihnen selbst als Standfestigkeit.
Die Aufforderung, empfindsamer zu werden, trifft dadurch auf einen Menschen, der gerade seine Unberührbarkeit für eine Stärke hält.
Was beim scheinbaren Abschalten geschieht
Empfindung, Aufmerksamkeit und Ausdruck sind verschiedene Vorgänge.
Jemand kann innerlich erregt sein und trotzdem wenig davon zeigen.
Er kann Spannung wahrnehmen, ohne zu erkennen, ob dahinter Angst, Traurigkeit, Scham oder Kränkung liegt.
Und er kann ein Gefühl erkennen, ohne es mitteilen zu wollen.
Ein möglicher Ablauf ist folgender: Ein naher Mensch äußert eine Verletzung.
Das Gegenüber erlebt darin eine Forderung oder einen Vorwurf.
Statt die Mitteilung zu untersuchen, beschäftigt es sich damit, die unangenehme Situation zu beenden.
Schweigen oder Angriff schaffen Abstand. Dieser Abstand bringt zunächst Erleichterung.
Diese unmittelbare Erleichterung kann das Ausweichen begünstigen.
Beim nächsten Konflikt steht dieselbe Reaktion wieder zur Verfügung. Die Fähigkeit, Spannung auszuhalten und ein Gespräch zu führen, wird dabei kaum geübt.
Auf diese Weise kann aus gelegentlicher Abwehr eine beständige Lebensweise werden.
Es gibt Hinweise darauf, dass Abwehr bereits die Aufmerksamkeit beeinflusst: In zwei experimentellen Untersuchungen war vermeidende Bindungsorientierung mit stärkerer Aufmerksamkeitshemmung gegenüber traurigen und ärgerlichen Gesichtern verbunden. Daraus lässt sich nicht ableiten, was ein bestimmter Mann fühlt.
Es macht aber verständlich, weshalb ein deutliches Beziehungssignal nicht automatisch zu bewusster Auseinandersetzung führt.
Warum Schmerz nicht automatisch menschlicher macht
Schmerz enthält keine Garantie für Erkenntnis.
Damit eine Erfahrung zur Entwicklung beiträgt, muss ein Mensch sie untersuchen können: Was ist geschehen? Was habe ich empfunden? Wie habe ich gehandelt? Was davon will ich künftig verändern?
Ohne diese Untersuchung kann sich aus einer Verletzung eine Regel bilden: Nähe ist gefährlich.
Andere verlangen zu viel. Wer nachgibt, verliert.
Eine solche Regel organisiert später die Wahrnehmung. Neue Begegnungen werden danach beurteilt, ob sie die alte Befürchtung bestätigen.
Die spirituelle Herausforderung liegt darin, die eigene Schlussfolgerung wieder zur Prüfung freizugeben.
Ein Mensch darf verletzt gewesen sein und muss trotzdem untersuchen, ob seine heutige Haltung noch wahrhaftig und angemessen ist.
Seine Vergangenheit erklärt etwas über ihn. Sie entscheidet nicht abschließend darüber, wie er mit anderen umgehen darf.
Der Anteil von Bequemlichkeit und Verantwortung
Manche Formen von Verschlossenheit bestehen auch deshalb fort, weil andere Menschen ihre Folgen auffangen.
Die Partnerin eröffnet das Gespräch, sucht nach Worten, erklärt die Verletzung, stellt den Kontakt wieder her und entschuldigt seine Grobheit mit seiner Geschichte.
Damit wird die notwendige Beziehungsarbeit ungleich verteilt.
Das ist eine mögliche Beziehungsdynamik, keine Behauptung über jedes Paar.
Wo sie besteht, kann sie Entwicklung erschweren: Der verschlossene Mensch verliert zwar an Nähe, muss aber nicht unmittelbar lernen, wie er selbst Nähe herstellt und erhält.
Deshalb muss zwischen einer Schwierigkeit und ihrer dauerhaften Verweigerung unterschieden werden.
„Ich finde gerade keine Worte“ lässt Raum für Bemühung.
„Darüber rede ich grundsätzlich nicht“ verschließt ihn.
Verantwortung zeigt sich darin, ob jemand nach einer ersten Abwehr zurückkehrt, zuhört und einen eigenen Beitrag leistet.
Eine Kultur, die das Innere vor allem nach Nutzen bewertet
Die westlichen Gesellschaften sind weder vollständig materialistisch noch ganz ohne Spiritualität.
Die Kritik an einer Verengung auf Leistung, Besitz und Verwertbarkeit ist dennoch philosophisch bedeutsam.
Wenn menschlicher Wert überwiegend am äußeren Erfolg gemessen wird, bekommt innere Entwicklung leicht einen nachgeordneten Platz.
Dann darf Meditation die Konzentration verbessern und Yoga die Belastbarkeit erhöhen. Sobald die Praxis aber verlangt, Überheblichkeit, Lieblosigkeit oder Selbsttäuschung zu erkennen, wird sie unbequem.
Ihr Anspruch reicht über die Optimierung des bisherigen Lebens hinaus.
Die yogische Frage: Was darf mich verändern?
Aus yogischer Sicht ist die Fähigkeit, Gefühle zu äußern, noch kein Maß für spirituelle Reife.
Entscheidend ist, wie klar ein Mensch wahrnimmt und wie verantwortlich er handelt.
Ein stiller Mensch kann äußerst aufmerksam sein. Ein Mensch mit großer emotionaler Ausdruckskraft kann sich ebenso vor Wahrheit schützen.
Für die hier beschriebene Verschlossenheit ist die Bindung an das eigene Selbstbild bedeutsam.
Wer jede Kritik an seinem Verhalten als Bedrohung seiner Person erlebt, kann das eigene Denken nicht unbefangen beobachten.
Die Unterscheidungskraft muss deshalb auch nach innen wirken: Was verteidige ich? Welche Tatsache übergehe ich? Welche Wahrheit würde eine Veränderung von mir verlangen?
Die Tugenden geben dieser Untersuchung eine Richtung.
Liebevolle Freundlichkeit und Nicht-Verletzen verlangen Aufmerksamkeit für den anderen.
Korrekte Wahrnehmung und korrekter Ausdruck verlangen, die eigene Darstellung zu prüfen.
Konstanz von Ziel und Bemühung verlangt, eine Einsicht durch wiederholtes Handeln zu verwirklichen.
In dieser spirituellen Auslegung bedeutet Öffnung, der erkannten Wahrheit Einfluss auf die eigene Lebensführung zu geben.
Wer berührt wird und trotzdem jede Konsequenz abwehrt, lässt Empfindung nicht zur Verantwortung werden.
Wie ein Zugang entstehen kann
Das Institut kann Menschen zur Untersuchung ihrer wiederkehrenden Erfahrungen einladen: Warum zerstöre ich Gespräche, die mir wichtig sind?
Warum macht mich Widerspruch so unruhig?
Warum gelingt mir äußere Leistung, aber keine verlässliche Nähe?
Solche Fragen geben dem inneren Studium einen konkreten Ausgangspunkt.
Der Mensch soll seine Wahrnehmung, seine Motive und sein Handeln prüfen lernen.
In der persönlichen Beziehung braucht es außerdem Gegenseitigkeit.
Verständnis für die Geschichte eines Menschen kann helfen.
Es darf nicht bedeuten, dass sein Gegenüber jede Verletzung hinnehmen und seine Entwicklung allein tragen muss.
Das Geheimnis der emotionalen Bewusstlosigkeit liegt möglicherweise gerade in ihrem Nutzen: Sie erspart kurzfristig innere Spannung, schützt ein vertrautes Selbstbild und wird von bestimmten kulturellen Erwartungen gestützt.
Ihre Kosten entstehen langsam — im Verlust von Nähe, Wahrhaftigkeit und Entwicklung.
Der Wendepunkt beginnt dort, wo ein Mensch anerkennt:
Die Wirkung meines Verhaltens geht mich an. Was ich bisher nicht anschauen wollte, gehört zu meiner Aufgabe.
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