Upeksa – Die Kunst des liebevollen Gleichmutes

Upekṣā – Die vergessene Kraft des Yoga

Eine der größten Ursachen menschlichen Leidens besteht darin, dass wir uns für Dinge verantwortlich fühlen, die nicht unsere Verantwortung sind.

Wir übernehmen die Gefühle anderer Menschen, tragen ihre Enttäuschungen, rechtfertigen uns für ihre Reaktionen und versuchen ständig, innere Zustände zu korrigieren, die wir weder verursacht haben noch auflösen können.
Da setzt Upekṣā an, eine der wichtigsten und zugleich am meisten missverstandenen Tugenden des Yoga.

Upekṣā wird meist mit Gleichmut übersetzt.
Gemeint ist damit jedoch nicht Gleichgültigkeit, Kälte oder Rückzug.
Upekṣā beschreibt die Fähigkeit, mit offenem Herzen in der Welt zu stehen, ohne die eigene Mitte zu verlieren.
Der Mensch mit Upekṣā sieht Leid, erkennt Angst, Wut oder Verwirrung, aber er wird nicht von ihnen fortgerissen. Er bleibt mitfühlend, ohne sich zu verstricken.

Patañjali erwähnt Upekṣā im Yoga Sūtra I.33 als eine Haltung, die den Geist klärt und beruhigt.
Wer ständig auf die Gedanken, Gefühle und Erwartungen anderer reagiert, verliert seine innere Stabilität. Lob hebt ihn (sein Ego), Kritik wirft ihn zu Boden, Zustimmung macht ihn stark und Ablehnung macht ihn unsicher. Das Zentrum liegt nicht mehr in ihm selbst, sondern in den Reaktionen seiner Umgebung.

Yoga verfolgt jedoch ein anderes Ziel.
Der Yogi soll lernen, in sich selbst zu ruhen.
Er soll freundlich sein, mitfühlend sein und helfen, wo Hilfe sinnvoll ist, aber er soll nicht zum Gefangenen fremder Zustände werden.

Upekṣā bedeutet daher nicht, Menschen gleichgültig zu begegnen, sondern ihnen ihre Würde zu lassen. Wer ständig rettet, korrigiert oder Verantwortung übernimmt, nimmt anderen damit die Möglichkeit, selbst zu lernen, zu wachsen und Verantwortung zu tragen.

Gerade Menschen in helfenden Berufen, Yogalehrer, Heiler, Therapeuten oder pflegende Angehörige brauchen diese Qualität.
Mitgefühl allein genügt nicht. Ohne Upekṣā wird Mitgefühl zur Erschöpfung.
Ohne Klarheit wird Hilfe zur Verstrickung (Co Abhängigkeit).
Allerdings: Gleichmut ohne Mitgefühl führt wieder zur Härte.
Yoga fordert beides: ein offenes Herz und einen klaren Geist.

Wer Upekṣā will muss sich daran orientieren, dass wir Menschen lieben können, ohne sie retten zu müssen, dass wir helfen können, ohne fremde Lasten zu tragen, und dass wahres Mitgefühl nicht darin besteht, jedes Problem zu unserem eigenen zu machen.
Das Herz bleibt offen, der Geist bleibt klar und der Mensch bleibt in seiner Mitte.
Genau darin liegt die stille Stärke des Gleichmuts.

Viel Arbeit, Good Luck für die Entwicklung dieses so wertvollen Gutes!